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Schrifttexterklärungen,
Leseprobe, Seite 5
31.
Kapitel Und er (Zachäus) lief voraus und stieg auf einen
Maulbeerbaum, auf daß er Ihn sähe; denn allda würde Er
vorbeikommen. (Lukas 19,4)
14.
Februar 1844 abends ... [Ste.01_031,10] Was tat aber Zachäus,
um Mich am Wege zu erschauen? Er war klein von Person; er lief voraus und stieg
auf einen Maulbeerbaum, das heißt soviel als: Der sündige Mensch
erkannte seinen Unwert vor Mir, er war somit voll Demut und glich oder gleicht
dem Zöllner im Tempel, der sich auch nicht getraute, sein Haupt
aufwärts zu erheben. [Ste.01_031,11] Aber die Demut ist die
Hauptnahrung der Liebe. Die Liebe wird dadurch mächtiger und
kräftiger zu Dem, vor dem sie ihren großen Unwert fühlt. Und je
unwürdiger sie sich fühlt, desto größer wird ihr Zug zu
Ihm, weil ihre Achtung in dem Grade wächst, als sie in ihrem eigenen Werte
sinkt. Solche Liebe denkt dann nur an Den, den sie als ihr höchstes Gut
allerhöchst achtet. [Ste.01_031,12] In dieser Beschäftigung mit
dem für solche Liebe höchst achtbaren Gegenstande liegt ein stets
heller werdendes Licht, in welchem der Mensch denkt und denkt und sucht und
sucht, wie er seinen erhabensten Gegenstand seiner Beschauung näherbringen
könnte. Und dieses Denken und Denken und Suchen und Suchen gleicht dem
Vorauseilen des Zachäus. [Ste.01_031,13] Er ist am richtigen Wege;
aber er weiß auch, daß der Herr das Inwendigste aller Dinge ist,
und ist somit in großem Gedränge und wird somit auf diesem zwar
rechten Wege dennoch nicht zu erspähen sein. Aber die Begierde, den Herrn
zu schauen, ist mächtiger als dieser Einwurf und mächtiger als dieses
Gedrängehindernis und fordert alle Kräfte in dem Menschen auf, sich
dahin zu erheben und einen solchen Standpunkt zu erreichen, von dem aus man
über das Gedränge und inmitten des Gedränges dennoch den Herrn
erschauen könnte. [Ste.01_031,14] Ein Baum wird erwählt und
bestiegen: ein Maulbeerbaum, gleich dem Erkenntnisbaume, in dessen
Blättern der feine glänzende Stoff zu den Königskleidern
verborgen ist. Also durch höhere Erkenntnisse und durch das Licht des
Glaubens will der Mensch den Herrn erschauen; darum eilt er voraus und besteigt
den symbolischen Baum der Erkenntnis, der zwar eine süße Frucht hat,
die aber dennoch niemandem zur Sättigung gereicht. Sie sättigt wohl
scheinhalber, aber nach solcher Scheinsättigung folgt gewöhnlich ein
größerer Hunger, als ihn jemand zuvor hatte. [Ste.01_031,15]
Also verhält es sich auch mit den höheren Erkenntnissen auf dem Wege
der Verstandesforschungen. Diese Erkenntnisse scheinen zwar auch im Anfange den
Geist überraschend zu sättigen; aber kurze Zeit darauf spricht sein
begehrender Magen: Die wenigen Süßträublein haben mich
nur schläfrig gemacht, aber nicht gesättigt; ich hatte wohl ein
kurzes Gefühl von Sattsein, war aber dessenungeachtet leer!
[Ste.01_031,16] Sehet, das ist ein klares Bild, was der Maulbeerbaum
bezeichnet, den der Zachäus freilich in der allerbesten Absicht bestieg,
und es wäre gut für alle solche weltgelehrten Zöllner und
Sünder, so sie in der Absicht des Zachäus den Baum der Erkenntnis am
Wege des Herrn besteigen möchten. Sie würden eben das erreichen, was
der Zachäus erreicht hat. [Ste.01_031,17] Aber leider wird der
Erkenntnisbaum nur höchst selten in der Weise des Zachäus bestiegen,
und so manche Zachäusse besteigen wohl auch in einer etwas besseren
Absicht den Baum der Erkenntnis, aber gewöhnlich einen solchen, der nicht
am Wege des Herrn steht. [Ste.01_031,18] Bis hierher wäre alles klar;
nun aber fragt es sich: Genügt es schon zum ewigen Leben, wenn man in
solcher allerbesten Absicht einen Zachäus macht? [Ste.01_031,19] Diese
Frage beantwortet die Stelle des Evangeliums, wo der Herr zum auf dem Baume
spähenden Zachäus spricht: Steige herab; denn Ich muß
heute noch in deinem Hause speisen! [Ste.01_031,20] Das heißt
soviel gesagt als: Zachäus! Enthebe dich deiner hohen Spekulation
über Mich, und steige herab in das Gemach deiner Liebe zu Mir; in diesem
deinem Hause ist Kost für Mich, da werde Ich einziehen und werde essen in
diesem deinem Hause! [Ste.01_031,21] Und noch deutlicher gesprochen
heißt das soviel als: Zachäus! Steige in deine erste Demut und
Liebe herab; also werde Ich bei dir einziehen und Mich erquicken an solcher
Frucht deines Herzens! [Ste.01_031,22] Sehet, das ist das
Praktisch-Theoretische dieses Textes, und die Moral heißt ganz kurz:
Sehet hin auf euren Bruder Zachäus, und folget seinem Beispiele, so
wird auch euch das werden, was dem Zachäus geworden ist!
[Ste.01_031,23] Ich meine, eine jede weitere Theorie wird hier völlig
überflüssig sein; denn das Gesagte ist ohnehin von der
größten Klarheit. Wer es lesen und beachten wird, der wird auch den
Anteil des Zachäus unverrückbar finden, und Ich werde zu Ihm sagen,
was Ich zum Zachäus gesagt habe. [Ste.01_031,24] Solches sei von euch
allen gar überaus wohl beachtet! Amen.
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