|
Jenseits
der Schwelle Sterbeszenen, Leseprobe, Seite 2
[JS.01_001,04]
Aber mitten unter solche vernichtende Gedanken mischt sich auch der
Katholizismus mit seinen scharfen Höllenandrohungen, über die der
Mann bei sich freilich gelacht hatte, solange er noch hundert Jahre zu leben
wähnte. Aber sie kehren nun wie leicht entflohene Furien zurück und
peinigen das sich so mancher großen Schuld bewußte Gemüt
unseres Sterbenden ganz entsetzlich, und es können sein Gemüt weder
die Kommunion noch die Ölung, noch die ununterbrochenen Gebete und vielen
Messen und das starke Glockengeläut beschwichtigen. Nur stets
gräßlicher und stets ewiger sieht seine Seele die Flamme des Pfuhls
emporschlagen. [JS.01_001,05] Da entflieht all seine frühere
Manneskraft und all seine Philosophie ist rein am Hunde, und sein brechendes
Herz sinkt schon in die stets dichter und dichter werdende Nacht des Todes. Und
die Seele, von allen Seiten von höchster Angst bedräut, sucht noch in
den letzten Atemzugsperioden ein Trostfünklein in den schon tot werdenden
Furchen des Herzens, das einst soviel irdischen Mut hatte. Aber da ist es
überall leer und statt des Trostes starrt ihr überall entweder die
ewige Vernichtung oder die Hölle mit all ihren Schrecken entgegen.
[JS.01_001,06] Also sieht es diesseits aus; nun aber machen wir auch einen
Blick ins Jenseits. [JS.01_001,07] Siehe, da stehen drei verhüllte
Engel am entsprechend gleich aussehenden Lager unseres Sterbenden und
betrachten unsern Mann mit unverwandtem Blick. [JS.01_001,08] Nun spricht A
zu B: Bruder, ich meine, für den ist es irdisch vollbracht. Auf
dieser Dornhecke werden irdisch wohl nimmer Trauben zum Vorschein kommen. Sieh,
wie sich seine Seele krümmt und windet und keinen Ausweg findet und wie
gar so verkümmert der arme Geist in ihr aussieht! Daher greife du mit
deiner Hand in die schon starren Eingeweide und entwinde diese gar
jämmerlich elende Seele aus ihrer Nacht, und ich werde sie in des Herrn
Namen anhauchen und sie erwecken für diese Welt. Und du, Bruder C,
führe sie dann des Herrn Wege ihrem Bestimmungsorte zu nach der Freiheit
ihrer Liebe. Es geschehe! [JS.01_001,09] Nun greift der Engel
B in die Eingeweide unseres Mannes und spricht: Im Namen des Herrn
erwache und werde frei, du Bruder, nach deiner Liebe. Es sei!
[JS.01_001,10] Nun sinkt diesseits die sterbliche Hülle in den Staub,
jenseits aber erhebt sich eine blinde Seele! [JS.01_001,11] Aber der Engel
A tritt hinzu und spricht: Bruder, warum bist du blind? Und der
Neuerwachte spricht: Ich bin blind. Macht mich sehend, so ihr könnt,
auf daß ich erfahre, was da mit mir vorgegangen ist, da mich nun auf
einmal all meine Schmerzen verlassen haben! [JS.01_001,12] Darauf
behaucht A die Augen des Erwachten, und der Erwachte öffnet sie und schaut
ganz erstaunt um sich und sieht niemand außer den Engel C und fragt ihn:
Wer bist du? Und wo bin ich? Und was ist mit mir vorgegangen?
[JS.01_001,13] Antwortet der Engel: Ich bin ein Bote Gottes, des
Herrn Jesu Christi, bestimmt, dich zu führen, so du willst, des Herrn
Wege. Du aber bist nun für ewig gestorben für die äußere,
materielle Welt körperlich und befindest dich nun in der Geisterwelt.
[JS.01_001,14] Hier stehen dir zwei Wege offen: der Weg zum Herrn in den
Himmeln oder der Weg zur Herrschaft der Hölle. Es kommt nun ganz auf dich
an, wie du wandeln wirst. Denn siehe, hier bist du vollkommen frei und kannst
tun, was du willst. Willst du dich leiten lassen von mir und mir folgen, so
wirst du wohl tun. Willst du aber lieber dich selbst bestimmen, so steht es dir
auch frei. Aber das wisse, daß es hier nur einen Gott, einen Herrn und
einen Richter gibt und dieser ist Jesus, der in der Welt Gekreuzigte!
Auf Diesen allein halte, so wirst du zum wahren Licht und Leben gelangen. Alles
andere aber wird sein Trug und Schein deiner eigenen Phantasie, in der du nun
lebst und von mir dieses vernimmst! [JS.01_001,15] Darauf spricht der
Erwachte: Das ist ja eine neue Lehre und ist wider die Lehre Roms, also
eine Ketzerei! Und du, der du sie mir hier an einsamem Orte aufdrängen
willst, scheinst eher ein Abgesandter der Hölle als des Himmels zu sein;
daher entferne dich von mir und versuche mich fürder nicht!
[JS.01_001,16] Und der Engel C spricht: Gut, deine Freiheit enthebt
mich in des Herrn Jesu Namen meiner Sorge um dich. Daher werde dir dein Licht;
es sei! [JS.01_001,17] Darauf entschwindet der Engel C, und der
Neuerwachte tritt in seine naturmäßige Sphäre und ist so wie
unter seinen Bekannten in der Welt und erinnert sich kaum mehr, was da mit ihm
vorgefallen ist, und lebt nun freilich schimärenhaft wie auf
der Welt, tut fort, was er auf der Welt tat, und kümmert sich wenig weder
um den Himmel noch um die Hölle und noch weniger um Mich, den Herrn. Denn
das alles sind bei ihm drei vage Lächerlichkeiten gleich einem
Traumgebilde, und jeder ihn daran Erinnernde wird aus seiner Gesellschaft
gewiesen. [JS.01_001,18] Sehet, aus diesem ersten Exempel könnt ihr
nun schon entnehmen, in welch ein Wasser unser großer,
berühmter Mann gefallen ist. Die ferneren Beispiele werden diese Sache
aber noch heller erleuchten.
...
Vorige Seite |
Nächste
Seite
Zurück zur
Bibliographie
Lorber-Verlag, Hindenburgstraße 5, D-74321
Bietigheim-Bissingen,
info@lorber-verlag.de
|