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Von
der Hölle bis zum Himmel, Leseprobe, Seite 6
[RB.02_279,02]
Wie herrlich ist die Darstellung des Weges in Dein Reich! Nur geht es uns dabei
wie einst Nikodemus, der auch nicht wußte, als Du, o Herr, von der
Wiedergeburt mit ihm sprachst, was er aus ihr machen solle. Der Weg vom Kopf
bis ins Zentrum des Herzens wäre wahrlich kurz, aber wie ihn antreten? Die
Sache klingt trotz der darin verborgenen Weisheit sehr rätselhaft, und wir
möchten hier auch mit Nikodemus fragen: ,Herr, wie können wir mit
unseren Füßen in unseren eigenen Leib, ja sogar ins Zentrum unseres
Herzens hineinsteigen? Es wäre vielleicht doch leichter, in den
allerletzten Stern Deiner endlosen Schöpfungen zu gelangen als in unser
eigenes Herz hinein. [RB.02_279,03] Da müssen wir Dich, o Herr, schon
um eine nähere Beleuchtung anflehen, wie es auch öfter Deine Apostel
auf der Erde getan haben. Denn auch ihnen kamen nicht selten Deine weisesten
Lehren wie spanische Dörfer vor, bei denen sich kein Fremder auskennt. Wo
ist da der Eingang und wie mag der Bauplan aussehen? Herr, erkläre uns
diese Sache ein wenig näher! [RB.02_279,04] Sage Ich:
Daß ihr solches nicht versteht, daran schuldet nur euer noch sehr
nach Irdischem riechender Sinn. So gescheit aber solltet ihr doch schon sein,
daß da von keinem naturmäßigen Gehen mit den Füßen
die Rede sein kann, sondern nur von einer reingeistigen Reise im Gemüt.
Nikodemus war noch ein irdisch-materieller Mensch, und es war daher
begreiflich, daß er mit seinen Begriffen den Mutterleib als Notwendigkeit
ansah, um aus ihm zum zweiten Mal wiedergeboren werden zu können. Ihr aber
seid nun schon selbst völlig aller groben, irdischen Materie bar
wie mögt ihr als Geister gar so materiell denken? [RB.02_279,05] Habt
ihr an euch denn nie eine doppelte Art geistiger Tätigkeit entdeckt,
nämlich eine im Kopf und eine andere im Herzen? Seht, im Kopf sitzt der
Seele kalt berechnender Verstand und sein Handlanger, die Vernunft, die am
seelischen Verstandesleib gleicht einem weit ausgreifenden Arm voll Augen und
Ohren. Der Verstand verlängert diesen Arm stets mehr und will mit ihm am
Ende die ganze Unendlichkeit an sich reißen. Dies eitel-tolle Bestreben
aber ist an sich eben jene gefährliche, Tod und Gericht bringende
Eigenschaft der Seele, die da mit dem Wort Hochmut bezeichnet wird. Im Herzen
aber ruht die Liebe als ein Geist, aus Meines Herzens Geist genommen. Dieser
Geist hat aber so wie Mein eigener ohnehin schon alles zahllosfältig in
sich, was die Unendlichkeit vom Größten bis zum Kleinsten
enthält. [RB.02_279,06] Wenn nun der hochtrabende Verstand, das Eitle
seiner törichten Bemühung einsehend, seinen vorbezeichneten Arm
der da ist seine Vernunft oder sein Vernehmvermögen anstatt
mit ihm das Unerreichbare erreichen zu wollen, demütig zurückzieht
und in das Herz (als die Wohnung Meines Geistes im Menschen) leitet so
macht er die bezeichnete drei Spannen lange Reise. Man gelangt auf solchem Wege
zum wahren, ewigen Leben, zu der wahren, seligen Ruhe und findet da alles
beisammen, was die ganze Unendlichkeit enthält. [RB.02_279,07] Dieses
endlose Innenreich wird freilich erst Teil um Teil offenbar gleich dem
Gewächs aus dem kleinen Keim, der im Zentrum des Samenkorns verborgen ist.
Ob aber aus diesem Geistkeim früher oder später, reicher oder minder
reich die Saat Meiner Werke zu voller Reife aufgehen wird, hängt lediglich
von der Stärke der Liebe zu Mir und zum Nächsten ab. Denn die Liebe
des Herzens zu Mir ist gleich dem Licht und der Wärme der Sonne, und die
Liebe zum Nächsten ist der notwendig fruchtbare Regen. So aber Sonne und
Regen in rechter Ordnung miteinander wirken, wird jede Saat bestens gedeihen
und in Bälde zur Reife gelangen. [RB.02_279,08] Ich will euch zum
besseren Verständnis noch ein leicht faßliches Bild geben: Es
verhält sich mit dieser Sache so, wie wenn ein Vater seine Kindlein im
Sommer in seinen Garten ausführte, der voll ist von Bäumen mit reifen
Früchten belastet. Die Kinder voll Begierde möchten gleich auf die
Bäume steigen, die Früchte hastig abpflücken und im
Übermaße essen. Der weise Vater aber sagt zu den unerfahrenen
Kindlein: ,Bleibt nur schön bei mir! Würdet ihr mit euren schwachen
Kräften auf die Bäume steigen und euch die Früchte nehmen, so
würdet ihr leicht vom Baum herabfallen, euch Hände und
Füße brechen oder gar zu Tod fallen. Ich und meine Knechte aber sind
groß und stark und wissen, wie die Früchte zu ernten sind. Wartet
daher ruhig! Ich selbst werde sie von den hohen Bäumen herabholen und sie
in euren Schoß legen, so werdet ihr sie ganz ohne alle Mühe
genießen können. Werdet ihr aber einmal selbst groß und stark
sein, dann werdet ihr auch selbst Meister der hohen Bäume werden.
Versteht ihr dieses Bild?
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