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Von
der Hölle bis zum Himmel, Leseprobe, Seite 2
[RB.01_002,04]
Diesseits konnte unser Mann nichts mehr tun als nur so viel als möglich
seine männliche Ehre retten. Deshalb zeigte er sich auch bei seiner
Hinrichtung entschlossen und den Tod verachtend was aber in Wahrheit
durchaus nicht der Fall war. Denn er fühlte in sich überaus stark die
Schrecken des Todes, und das um so mehr, als er als fester Neukatholik an ein
Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes durchaus nicht glaubte.
[RB.01_002,05] Aber ungefähr sieben Stunden nach seiner Hinrichtung,
da seine Seele sich gewisserart wieder zusammenklaubte, überzeugte er sich
schnell von der Grundlosigkeit seines irdischen Glaubens und gewahrte gar bald,
daß er fortlebe. Aber da verwandelte sich seine Überzeugung von dem
Fortbestehen nach dem Tod in einen andern Unglauben: Er meinte nun bei sich,
daß er wohl auf den Richtplatz hinausgeführt, aber nur scheinbar
erschossen worden sei, um die vollkommene Todesangst auszustehen. Da ihm der
Offizier die Augen habe verbinden lassen, auf daß er nicht das leere
In-die-Luft-schießen merken solle, sei er bloß vor Angst
betäubt zusammengesunken. Von da sei er in bewußtlosem Zustand in
einen finsteren Kerker gebracht worden, von wo ihn eine Beschwerde von
Deutschlands Bürgern sicher bald in die erwünschte Freiheit setzen
würde. [RB.01_002,06] Ihn stört nun bloß die starke
Finsternis. Sein Aufenthaltsort erscheint ihm als ein finsteres Loch, das ihm
jedoch nicht feucht und übelriechend vorkommt. Er befühlt sich auch
die Füße und die Hände und findet, daß ihm nirgends
Fesseln angelegt sind. So versucht er die Weite seines Kerkers zu untersuchen,
und wie etwa der Boden beschaffen ist. Ob sich in seiner Nähe nicht etwa
so ein heimliches Gericht vorfindet? [RB.01_002,07] Aber er staunt nicht
wenig, als er gar keines Bodens gewahr wird und ebensowenig irgendeiner
Kerkerwand; und fürs zweite auch nichts von einer Hängematte finden
kann, in der er sich etwa in einem freien Katakombenraume hängend
befände.
...
14. Kapitel Anrede Roberts an den Herrn. Jesu Antwort. Eine wichtige
Lebensfrage.
[RB.01_014,01]
Als Robert nun da fest vor Mir steht, betrachtet er Mich vom Kopfe bis zu den
Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er
da zu finden glaubte. Und zwar im selben dürftigen Anzug und auch mit den
Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt
hatte. [RB.01_014,02] Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet hat,
beginnen ihm Tränen aus seinen Augen zu rollen. Und er spricht nach
einiger Fassung voll des innigsten Mitleids: [RB.01_014,03] O du
lieber, du größter Menschenfreund, der du Herz genug hattest, sogar
deinen grausamsten Henkern die schändlichste Unbill, die sie an dir
begingen, von ganzem Herzen zu vergeben! Und das bloß darum, da du aus
deiner Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den
gültigen Entschuldigungsgrund annahmst! [RB.01_014,04] Aber wie hart
muß dabei die Gottheit, dein so oft über alles gelobter und
angebeteter Vater sein, wenn Er irgendwo ist, daß Er dich, den
edelsten, vollkommensten und besten aller Menschen nun schon nahe 2000 Jahre in
dieser finsteren Leere herumschweben läßt: in derselben
dürftigsten Armseligkeit, in der du von Kindheit an zum reinsten und
alleredelsten Menschenfreund heranwuchsest! [RB.01_014,05] O du, mein
bester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! Wie sehr bedauere
ich dich und liebe dich auch andererseits deiner bis jetzt noch gleichen
Armseligkeit wegen! Denn wärest du mir in einem nur zum Teil seligen
Zustand entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert,
daß ein Geist wie du nach dem Abfall des Leibes nicht sogleich zur
höchsten Auszeichnung gelangen soll, wenn es eine gerechte, vergeltende
Gottheit gibt! [RB.01_014,06] Aber da ich dich hier noch gerade so
antreffe, wie du die Erde verließest, scheinen die Verhältnisse ganz
andere zu sein, als wir sie uns vorstellen. Darum erscheint unser Zustand nach
Ablegung des Leibes als eine in sich bedingte Notwendigkeit, durch die wir erst
nach weiten Zeitläufen das verwirklichen können, was in unserem
Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als Grundlage unseres Seins gegeben
ist. [RB.01_014,07] Von diesem Standpunkt aus erscheint dein und mein
gegenwärtiges Sein freilich noch immer sehr bedauernswürdig, weil die
Verwirklichung dessen, was wir als Erkenntnisse in uns zur klaren Vorstellung
gebracht haben, weit hinter der Macht unseres Willens liegt. Allein, um die
werdende Verwirklichung unserer Vorstellungen mit der Schwäche unseres
Willens zum Ausgleich zu bringen, besitzen wir in unserem Gemüte zum
größten Glück etwas, das wir im bürgerlichen Leben Geduld
nennen. Diese wird freilich manchmal auf eine Probe gestellt, von der wir beide
uns sicher manches werden zu erzählen wissen! [RB.01_014,08] Liebster
Freund, ich habe dir nun so gut als möglich mein wahres Bekenntnis
abgelegt. Nun gib auch du mir kund, was du nun von unserem noch sehr
mißlichen Zustand hältst? Durch gegenseitige Mitteilung werden wir
uns wohl eine lange Zeitenfolge erträglicher machen. Sei demnach so gut,
edelster Menschenfreund, und öffne vor mir deinen für mich heiligsten
Mund!
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