Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Leseprobe, Seite 5

54. Kapitel – König Lamechs Selbstbekenntnis und seine Scheu, den Tempel zu betreten. Des Weisen Rede über das Wort des Herrn und über den göttlichen Geist des Menschen. Der Eintritt in den geweihten Tempel.

...
[HGt.03_054,09] Der weise Mann aber nahm den Lamech bei der Hand und sagte zu ihm: „Höre, du Mann voll Demut in deinem Herzen! Sind denn die Herzen der Brüder und Schwestern nicht mehr als dieser Tempel?! Und dennoch gingst du jetzt soeben durch gar viele mit uns hindurch! Wie denn mag es dich darum nun so ängstlich bedünken, in diesen Tempel zu treten, den Gott nur angehaucht hat, während Er doch mit Seiner ewig heiligen Liebe, Gnade und Erbarmung die Herzen der Brüder und Schwestern belebt hat?!
[HGt.03_054,10] Was aber ist wohl mehr: der Hauch aus dem Willen des Herrn, oder Sein wesenhaft lebendiges Wort, aus Seinem Herzen gegossen in die Herzen der Brüder und Schwestern?!
[HGt.03_054,11] Siehe, die Welten, die Sonnen und alle Dinge entstammen dem Willenshauche des Herrn; aber nicht also steht es mit dem Geiste des Menschen in seinem Herzen! Denn dieser ist ein wesenhafter Teil des ewigen wahrhaftigen Geistes Gottes, im Herzen Gottes wohnend und kommend aus demselben.
[HGt.03_054,12] Nun urteile selbst, ob es klug ist, zu unterlassen – aus großer, gerechter Demut wohl – das bei weitem Geringere, wenn man zuvor sich nicht im geringsten bedünkt hatte, zu tun das bei weitem Größere!
[HGt.03_054,13] Zudem wird es dir nicht bange, Mir zu reichen deine Hand, wie Ich dir gereicht habe die meinige, – und Ich bin, du kannst es Mir glauben, mehr, denn da ist dieser Tempel samt der weißen Wolke und dem mächtig strahlenden Herzen oberhalb des Tempels und der weißen Wolke, welche den Tempel noch dicht umhüllt hält!
[HGt.03_054,14] Wenn sich aber dieses alles untrüglich also verhält, so magst du schon mit dem besten Gewissen von der Welt mit uns in den Tempel treten und allda vernehmen das, was dir verheißen ward!“
[HGt.03_054,15] Hier ermannte sich der Lamech und ging mit den beiden in den Tempel ganz wohlgemut und hatte keine Scheu mehr; aber der weise Mann blieb ihm noch unbekannt.

55. Kapitel – Die symbolische Bedeutung der Erscheinung bei der Tempelweihe. Die Gottwohlgefälligkeit der Armut. Lamechs große Ahnung.

[HGt.03_055,01] Auf diese Worte des weisen Mannes begaben sich alle drei in den Tempel, und zwar allda ganz in die Mitte desselben, allwo ein Opferaltar errichtet war.
[HGt.03_055,02] Als sie am Altare anlangten, da sagte der weise Mann zum Lamech: „Nun, lieber, guter Freund und Bruder, habe denn acht auf das, was da der Herr reden wird zu dir! – Siehe, Er redet schon; darum spitze wohl deine Ohren!“
[HGt.03_055,03] Hier horchte der Lamech; aber er konnte außer den Worten des weisen Mannes nichts vernehmen. Darum sagte er denn auch zum weisen Manne nach einer kleinen Weile:
[HGt.03_055,04] „Höre, lieber, guter, weisester Bruder! Ich mag meine Ohren noch so sehr anstrengen, so vernehme ich aber dennoch sonst nichts als allein nur deine freilich wohl sehr weisen Worte!
[HGt.03_055,05] Darum sage mir, habe ich das Lobnis des Herrn aus deinem Munde zu erwarten, oder aus dem Munde des weisesten Henoch, oder soll ich wirklich der Stimme Gottes in diesem Heiligtume gewürdigt werden?!“
[HGt.03_055,06] Und der weise Mann sprach zum Lamech: „Ich sage dir aber: Darum ist der Tempel in lichte Wolken gehüllt, da du nicht erkennst, wer Der ist, der da mit dir redet!
[HGt.03_055,07] Sahst du nicht in der Höhe ein strahlend Herz, welches frei war von allem Gewölke? Siehe, das Herz stellte nicht das Herz deines Gottes, sondern dein eigen Herz vor!
[HGt.03_055,08] Warum denn also? – Weil du Gott noch stets in der Höhe suchst und stellst dadurch deine Liebe und Erkenntnis Gottes über deinen eigenen Tempel hinaus, welcher dadurch umwölkt wird, auf daß du in dieser Umwölkung ja nur nicht erkennen magst, wer da redet mit dir!
[HGt.03_055,09] Du aber hast ja nicht über dem Tempel, sondern nur innerhalb desselben einen Opferaltar errichtet; sage Mir demnach, wie es bei dir zugeht, daß du Gott suchst über dem Tempel mit einem zwar überaus liebeglühenden Herzen, dessen Glut das Feuer der Sonne überbietet, und hast Ihm doch in dem Tempel den Altar errichtet!“
[HGt.03_055,10] Diese Frage machte den Lamech gar gewaltig stutzen, und er fragte alsbald darauf den weisen Mann, zu Ihm sagend:
[HGt.03_055,11] „Höre, du überweiser Bruder und allerherrlichster Freund! Diese deine Worte klingen bei Gott, dem Herrn Himmels und der Erde, für einen noch so weisen Menschen denn doch ein wenig zu weise!
[HGt.03_055,12] Ich frage dich demnach ganz ernstlich: Wer bist du, und woher kamst du, daß du reden kannst, als hättest du die Zunge Gottes in deinem Munde, und daß jedes deiner Worte in mein Herz dringt wie ein mächtigster heißester Lichtstrahl?!
[HGt.03_055,13] Fürwahr, dich hat nie ein Weib geboren, sondern du mußt entweder unmittelbar aus der Hand Gottes hervorgegangen sein als gleich ein verkörperter Geist, oder du bist ein allerhöchster Lichtengel Gottes, in dessen Herzen eine endlose Fülle der göttlichen Weisheit rastet!
[HGt.03_055,14] Sage mir, wie ich dich denn anschauen soll, auf daß ich dich erkennete!“
[HGt.03_055,15] Und der weise Mann erwiderte dem erstaunten Lamech: „Ich sage dir, hebe dein Gott suchendes und liebendes Herz von der Höhe herab auf den niederen Altar, und du wirst alsbald in großer Klarheit ersehen, was du erkennen möchtest!
[HGt.03_055,16] Meinst du denn, Gott habe ein Wohlgefallen an der Höhe? Ich sage dir: mitnichten; sondern nur dem Niederen, dem Kleinen wendet Er Sein Herz zu!
[HGt.03_055,17] Gott will kein hoher Gott, kein großer Gott, kein reicher Gott sein im Angesichte Seiner Kinder, sondern ein Gott in aller Niedrigkeit, Kleinheit und Armut nur will Er vor Seinen Kindern sein. Denn Er hat ja alles Seinen Kindern gegeben; was Er hat, das sollen auch sie haben.
[HGt.03_055,18] Wenn aber solches doch eine ewige Wahrheit ist, wie magst du denn hernach Gott noch über den Sternen suchen, Gott, dem es wohlgefiel, sogar im kleinen Herzen des Menschen Sich eine Wohnstätte zu errichten?!
[HGt.03_055,19] Sage dir selbst, wie kam der Herr jüngst zu dir? – Siehe, als ein Bettler! Und du erkanntest Ihn damals an Seiner Weisheit!
[HGt.03_055,20] Wie ist es denn, daß ein blendend Gewölke nun so lange schon deine Sehe umdüstert?
[HGt.03_055,21] Siehe, Armut ist die wahre Weisheit! Wer demnach Gott ähnlich werden will, auf daß er Ihn schaue, der muß selbst arm sein; und erst in seiner größten Armut wird er erkennen, daß Gott nur, als Selbst arm, an der Armut Sein größtes Wohlgefallen hat, weil eben in der Armut des Lebens nur die größte Freiheit waltet.
[HGt.03_055,22] Also ziehe denn auch du dein Herz aus der Höhe herab, und du wirst alsbald erkennen, was du nun noch nicht erkennst, nämlich das dir von Gott ausgesprochene Lob über deine Selbsterniedrigung!“
[HGt.03_055,23] Hier fing dem Lamech an ein großes Licht aufzugehen, und er fing an, alsbald Großes zu ahnen.
[HGt.03_055,24] Schon wollte er vor dem weisen Manne niederfallen; aber dieser hinderte ihn daran und sagte zu ihm: „Ordne vorher dein Herz, dann erst tue nach der reinen, unumwölkten Erkenntnis! Amen.“

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