Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Leseprobe, Seite 3

44. Kapitel – Die natürliche, seelische und geistige Sättigung. Die Langeweile als der Hunger der Seele, und die Wißbegierde als der Hunger des Geistes.

[HGt.03_044,01] Und der Redner am andern Tische sprach weiter: „Das Wort, lebendig kommend aus unserm Herzen, ist es aber, das Ich als die Vorbereitung der Liebe zu Gott, welche da ist die wahre Kost für den Geist, bezeichnet haben will.
[HGt.03_044,02] Ich sage euch: Das Wort, ja das lebendig wahre, rechte Wort aus dem Grunde unseres Herzens, ist alles in allem; es durchdringt die Materie, löst sie auf in Geistiges und nährt dann mit der Auflösung der Materie den Geist.
[HGt.03_044,03] Das ist's aber dann – wie Ich ehedem schon bemerkt habe –, daß nämlich der Geist nur den Geist, wie die Seele die Seele und die Materie die Materie nährt.
[HGt.03_044,04] Denn das Wort in uns, als der sich hell aussprechende Gedanke im Herzen, ergreift die Materie, teilt sie und beschaut sie in ihrem Wunderbaue. In dieser Beschauung sättigt sich schon die Seele; denn das entzückende Gefühl der Seele an der Beschauung wunderbar schöner Formen ist ihre Sättigung!
[HGt.03_044,05] Es ist aber vom Schöpfer der Mensch durchaus also eingerichtet, daß da die Sättigung des einen Teiles allzeit die sichere Erhungerung des andern mit sich bringt.
[HGt.03_044,06] Um solches aber so recht in der Tiefe zu fassen, soll uns ein Beispiel recht wohl behilflich sein, und so habet denn guten Herzens acht!
[HGt.03_044,07] Wenn ihr dem Leibe nach hungrig seid, da lechzet ihr alle nach einer guten Mahlzeit, und befindet ihr euch dann bei einer gut besetzten Tafel, da seid ihr dann auch voll Lust; denn ihr könnet euch nun den quälenden Hunger stillen.
[HGt.03_044,08] Wenn es aber hieße: Ihr müsset volle acht Tage an der Tafel sitzen bleiben, oder einen Monat, oder gar ein Jahr, – saget, würde euch dabei nicht die entsetzlichste Langweile verzehren?!
[HGt.03_044,09] Ja, Ich sage euch, Meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern, ihr würdet in solch einem Falle sicher zu verzweifeln anfangen!
[HGt.03_044,10] Weil denn aber solches doch sicher der Fall sein würde, so kann Ich ja fragen: Warum da die Langweile, die Verzweiflung, da der Leib gesättigt wird?
[HGt.03_044,11] Weil die Sättigung des Leibes die sichere Erhungerung der Seele bewirkt, welche sich allzeit in der bitter empfundenen verzweifelten Langweile ausspricht!
[HGt.03_044,12] Was wird man denn aber anstellen müssen, um nach der Sättigung des Leibes auch zu sättigen die Seele?
[HGt.03_044,13] Man steht von der Tafel auf und begibt sich ins Freie, zum Beispiel auf einen kleinen Berg, oder in einen schönen Garten, allda sich dann die Seele sättigt an den schönen Formen, an dem Gesange der Vöglein und an den ätherischen, also seelischen Wohlgerüchen der Blumen, und an mehr derlei Annehmlichkeiten für die Seele.
[HGt.03_044,14] Wenn jemand aber dergleichen lange genug betrachtet hat und hat dadurch hinreichend gesättigt seine ehedem hungrige Seele, da werden ihn alsbald auch diese herrlichen Speisen wieder anfangen für die Seele zu langweilen, und er wird sich bald entweder nach Hause zu sehnen anfangen, um seinem durch die Sättigung der Seele hungrig gewordenen Leibe wieder eine neue Stärkung durch einen guten Bissen zu verschaffen, oder es wird sich im bessern Falle der Geist zu rühren anfangen und wird durch die Seele dem Leibe sagen: ,Mich hungert es gewaltig!‘
[HGt.03_044,15] Wie aber wird sich dieser Hunger aussprechen? – Durch eine stets mehr und mehr brennende Wißbegierde.
[HGt.03_044,16] Er wird die Materie und ihre schönen Formen begreifen wollen; denn sie sind also für ihn nicht genießbar, – sie müssen aufgelöst werden durchs Feuer, Licht und genügende Wahrheit.
[HGt.03_044,17] Was aber ist das Feuer? Es ist die begierliche Liebe. Was ist das Licht? Es ist der sich im Herzen klar aussprechende Gedanke. Was ist die Wahrheit? Sie ist das aus dem Feuer und dem Lichte hervorgehende und ausgesprochene Wort!
[HGt.03_044,18] Durch dieses Wort ergreifen wir denn dann diese feste Materie und ihre liebliche Form, lösen die Materie auf und finden in der aufgelösten Materie die Bedeutung und den geistigen Sinn der Form.
[HGt.03_044,19] Dadurch wird unser Geist dann entzückt, und diese zufriedene, selige Entzückung ist dann aber schon auch die stärkende Sättigung für den Geist; denn er findet darinnen seine Heimat, seine Ruhe, seinen Stoff, seinen Ursprung und in diesem seine wahre Liebe zu Gott und die allmächtige Liebe Gottes zu ihm!
[HGt.03_044,20] Da fällt der Geist dann in aller Liebe und Demut nieder vor der unendlichen Liebe Gottes, dankt Gott und betet wahrhaftig zu Gott, und Gott ist dann seine Hauptsättigung zum ewigen Leben.
[HGt.03_044,21] Also wollen wir denn auch die Werke Gottes betrachten und suchen Seine große Liebe und Erbarmung darinnen. Und hat jemand etwas gefunden, so lasse er es in guten, wahren Worten vernehmen dann allen seinen Brüdern, und er und sie werden dann erbaut werden im Geiste und in der Wahrheit, und diese Erbauung ist denn dann die wahre, lebendige Kost für den Geist, durch welche er kräftig wird zu wirken in der Liebe zu Gott, welches Wirken aber dann auch ist das wahre, ewige Leben!“
[HGt.03_044,22] Hier hielt der Redner inne. Es erstaunte aber alles Volk über seine Weisheit, und der Lamech ward beinahe außer sich.
[HGt.03_044,23] Aber der Henoch beruhigte ihn und sagte: „Gedulde dich nur, denn der Redner ist noch nicht zu Ende; wenn Er aber wird ausgeredet haben, dann erst wollen wir – wie ich schon bemerkt habe – darüber ein paar Worte sprechen!“
...

49. Kapitel – König Lamech und Henoch im Zwiegespräch über den weisen Redner und die Bergtempelweihe. Die innere Entsprechung des Tempels. König Lamech lädt den weisen Mann ein zur Tempelweihe.

[HGt.03_049,01] Es hatte aber auch der Lamech vernommen solches Gespräch zwischen den zweien des andern Tisches und wandte sich darum zum Henoch und fragte ihn:
[HGt.03_049,02] „Höre, Bruder im Herrn, dieser Mann dort ist für einen gewöhnlichen Menschen doch ein wenig zu weise, das heißt, ich will damit sagen: für einen Menschen in dieser Ebene und unteren Flachheit.
[HGt.03_049,03] Er ist sicher auch von oben her etwa vom Herrn zu mir oder zu meinem Volke als ein Lehrer in der höheren und tieferen Weisheit des Lebens beschieden!
[HGt.03_049,04] Daher meine ich, da er schon selbst von der allfälligen Einladung zur Weihe des Bergtempels angezogen hatte, so wäre es doch sicher sehr schicksam, daß ich sogleich hinginge und ihm somit selbst die gebührende Einladung darbrächte! Meinst du nicht, daß solches gar rechtlich wäre?“
[HGt.03_049,05] Und der Henoch erwiderte darauf dem Lamech: „Mein geliebter Bruder, – nun gehe hin und tue nach deinem Herzen; denn jetzt ist es an der Zeit!
[HGt.03_049,06] Es muß aber dieser Weise bei der Weihe ja zugegen sein; denn der Tempel auf dem Berge bezeichnet ja die Weisheit des Herrn, welche Er uns gegeben hat aus Seiner großen Liebe und Erbarmung, und so muß dieser Tempel ja auch mit der göttlichen Weisheit unter uns, wie in uns eingeweiht werden!
[HGt.03_049,07] Der Tempel in der gereinigten Tiefe gilt der Liebe und Erbarmung des Herrn und ist gleich dem Herzen im Menschen zugerichtet, das ehedem war eine Pfütze voll allen Unrates und allen Geschmeißes. In dieser Kloake mußte getötet werden die Fleischliebe (Siehe die Geschichte mit den Hofweibern unter dem Boten Kisehel an!), dann erst mußte durch starke heiße Winde alles Sumpfwerk ausgetrocknet werden, dann geebnet der Boden, und das Erdreich mußte durch ein starkes Feuer gleich den ehemaligen fleischlichen Hofweibern zum reinen Golde umgestaltet werden, und es mußten fein behauene Steine herbeigeschafft werden zum Baue des Tempels, also ein ganz neues Material, welches da fest ist und dauerhaft, nicht wie ein morsches Holz und schmutzig wie der stinkende Schlamm der Pfützen.
[HGt.03_049,08] Siehe, also ist der innere Tempel Gottes im Herzen des Menschen durch den Tempel in der Ebene bildlich dargestellt und von Gott Selbst geweiht worden!
[HGt.03_049,09] Der Herr aber hat dir dann auch geboten, einen Tempel auf dem gereinigten Berge zu errichten.
[HGt.03_049,10] Der Tempel aber soll darstellen eure Weisheit und alles, was dieselbe bedingt.
[HGt.03_049,11] Also müssen auch bei der Einweihung desselben die Menschen gegenwärtig sein, welche der Herr zu dem Behufe mit großer Weisheit aus Sich ausgerüstet hat.
[HGt.03_049,12] Jener Mann aber ist ein wahrhaftiger Weiser aus Gott; daher gehe hin und lade Ihn zu der Einweihung des Tempels auf dem Berge!
[HGt.03_049,13] Aber du sollst da niemand andern mehr laden; wenn aber jener Mann noch jemanden mitnehmen will, so sei da ein jeder, den Er mitnehmen wird, von dir als völlig geladen betrachtet!
[HGt.03_049,14] Denn die Weisheit ist das Licht der Liebe, und dieses Lichtes Ausstrahlung ist wesenhafte, ewige Wahrheit. Darum gehe nun hin und tue nach deinem Herzen! Amen.“
[HGt.03_049,15] Und der Lamech machte nach diesen Worten Henochs nur sozusagen einen Satz hin zum weisen Manne und lud ihn zur bevorstehenden Weihe des Tempels auf dem Berge ein.
[HGt.03_049,16] Und der Mann sagte darauf zum Lamech: „Freund und Bruder, da du Mich geladen hast, so werde Ich auch kommen, dessen sei völlig versichert; aber den Ich mitnehme, der soll dir angenehm sein!
[HGt.03_049,17] Denn Ich gehe einher auf dir unerforschlichen Wegen der ewigen Weisheit in Gott; darum ist auch ein jeder, den diese Weisheit ergreift, ein Diener der Weisheit aus Gott, und du sollst sein Bruder sein ewig!
[HGt.03_049,18] Gehe aber nun hin, berichte solches dem Henoch, und er wird dich sogleich verstehen!
[HGt.03_049,19] Erhebet euch aber bald, damit der Tempel noch am Tage eingeweiht werde auf der Erde! Amen.“

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