Die geistige Sonne, Leseprobe, Seite 2

[GS.02_126,15] Und sehet, so hat ein jeder Mensch den Keim seines geistigen Zustandes, der die eigentliche Geisterwelt ist, schon in sich. Er ist auf dieser Welt ein Lebensfünklein, das sich kräftigen soll zu einer Lebenssonne. Aus seinem atomgroßen Lebenskeime soll ein riesiger mächtiger Lebensbaum werden. Und also ist es.
[GS.02_126,16] Wie die Eichelnuß zahllose Wälder voll riesiger Bäume in sich trägt, die sich alle aus dem einzelnen Kerne entwickeln können, so trägt auch der Mensch in seinem klein scheinenden Leben auf dieser Welt eine unendliche Kräftigung und Potenzierung desselben in sich. –
[GS.02_126,17] Es heißt aber im Evangelium, wo der spricht, der sein Talent vergraben hatte: „Ich weiß, daß du ein strenger Mann bist und willst ernten, da du nicht gesät hast. Wo du eins setzest, da willst du tausend gewinnen; darum vergrub ich das Talent, auf daß ich es dir gebe, wie du es mir gegeben hast.“
[GS.02_126,18] Darauf aber spricht der Herr des Talentes: „Ei, du schalkhafter Knecht! Wußtest du, daß ich ein ungerechter Mann bin und will ernten, da ich nicht gesät habe, warum trugst du denn nicht das Talent zu einem Wechsler, der mir darum Wucherprozente gegeben hätte?“
[GS.02_126,19] Sehet, aus dieser Stelle erscheint ganz klar, daß Ich das Leben in den möglichst kleinsten Partien aus Mir hinausstreue in die endlosen Gebiete Meines allwaltenden Seins, um aus einer jeglichen dieser kleinsten Lebenspartien eine übermäßig potenzierte Lebensmasse zurückzubekommen.
[GS.02_126,20] Das ist der wahre innerste Grund alles geistigen Lebens: Aber bin Ich da wirklich ein harter, eigennütziger, ungerechter Lebenswucherer? O nein! Denn außer Mir gibt es ja nirgends ein Leben, und das aus dem einfachen Grunde, weil es ewig nirgends ein „außer Mir“ gibt! Ich bin die Nährquelle ewig für alles Leben!
[GS.02_126,21] Was würde wohl mit dem Leben werden in den Zeiten der Zeiten, so diese Urgrundquelle alles Leben versiegen möchte? Sehet, da würde sich alles Leben ins Unendliche verflüchtigen, und nichts bliebe am Ende übrig als eine ewig leere, finstere, tote Unendlichkeit!
[GS.02_126,22] So aber Ich als die Urgrundnährquelle für alles Leben Mich Selbst in jedem Augenblicke, unendlichfach in Mich Selbst wiederkehrend, stets endlos kräftige und stärke, so wird dadurch alles partielle Leben, welches sich in euch geschaffenen Menschen ausspricht, ja auch ins gleichermaßen Unendliche potenziert, genährt und gestärkt.
[GS.02_126,23] Je stärker der Vater, desto stärker auch die Kinder. Aus der Ameise gehen wohl Ephemeriden, aber keine Adler und Löwen hervor. Überall erzeugt das Schwache wieder Schwaches und das Starke Starkes. Wie aber das Schwache nie Starkes erzeugt, so erzeugt auch das Starke nie Schwaches. Ein Adler ist nie der Erzeuger einer furchtsamen Taube und ein Hase kann sich nicht rühmen, als wäre der Löwe sein Erzeuger.
[GS.02_126,24] So ihr aber Kinder eines allmächtigen Vaters seid und habt den Lebenskeim des Vaters in euch, so kräftiget diesen Keim im guten Erdreiche Meines Willens und machet stark den Vater in euch, so werdet auch ihr dadurch gleichen Maßes im Vater stark werden. Denn der Vater verlangt nicht eure Stärke für Sich, sondern für euch selbst verlangt Er sie, damit auch ihr also vollkommen werden sollet, wie Er Selbst in Sich oder im Himmel vollkommen ist. –
[GS.02_126,25] Sehet, das ist ein Bild, wie ihr von der äußeren Erscheinlichkeit auf den inneren Grund des Lebens schließen könnet. – Nächstens ein anderes Bild zu demselben Zwecke! –

127. Kapitel – Ein Menschenkind als Bild des Himmelreiches und des Universums.

[GS.02_127,01] Wir haben in der vorhergehenden Eröffnung ein kräftiges Bild vor jedermanns Augen gestellt, nach welchem jeder mit leichtester Mühe von den äußerlichen Erscheinlichkeiten auf den inneren Grund schließen kann. Da aber dieses Feld sehr groß ist und die Erscheinlichkeiten auf demselben zahllos sind, so hat der Mensch der rechten Bilder nie zuviel, um sich in jeder Lage seines erscheinlichen Daseins den rechten Rat zu schaffen. Und so werden wir zu einem andern, in sich zwar ganz einfachen, aber desto inhaltsschwereren und allgemeineren Bilde zur Beleuchtung unserer Sache schreiten.
[GS.02_127,02] Was Einfacheres könnte es wohl geben als ein harmloses, ärmliches Menschenkind? Dieses hat zwei bewegliche Füße, dann einen Leib voll Eingeweide; es hat zwei bewegliche Arme und über denselben auf einem Halse einen beweglichen Kopf. An dem Kopfe sind zwei Ohren, die immer gleich voneinander entfernt bleiben, und das eine hört dennoch allezeit dasselbe wie das andere. Also hat es auch zwei Augen, die ihren festen Standpunkt im Kopfe haben und einander nicht nähergerückt werden können, obschon sie für sich einer Bewegung fähig sind. Mit diesen beiden Augen kann jedes einzelne Ding für sich beschaut werden. In der Mitte der Augen sitzt die zweimündige Nase. Sie atmet die Lebensluft in sich und läßt die Unreinigkeit des Hauptes abfließen. Also hat es auch einen Mund, dessen unterer Teil allein beweglich ist. In selbem hat es zwar unbewegliche Zähne, aber eine desto beweglichere Zunge. Der übrige Leib besteht aus einer Haut, aus Fleisch, Blut, Nerven, Fasern, Adern und Knochen, in denen sich ein Mark vorfindet. – Sehet, das ist das Bild unseres Kindes.
[GS.02_127,03] Wer ahnt es aber, was alles hinter dieser ganz einfachen Erscheinlichkeit steckt? Wer ersieht darin einen ganzen Himmel? Wer das ganze unendliche Universum?
[GS.02_127,04] Wer sucht in diesem einfachen Bilde einen Konflikt der gesamten Schöpfung, sowohl in der geistigen als auch in der naturmäßigen Sphäre?
[GS.02_127,05] Möchte da nicht jemand sagen: In dem Kinde ist solches wohl kaum ersichtlich; aber lassen wir es zum Manne werden, dann wird sich in seinem Denken und Handeln vielleicht wohl manches finden lassen, daraus man folgenderweise erkennen kann, daß der Mensch zum wenigsten ein integrierender Teil der Schöpfung ist.
[GS.02_127,06] Ich aber sage: Dessen bedarf es nicht; das Kind allein genügt. Seine zwei einfachen Füße bezeugen Meine väterlich tragende Liebsorge, welche sich in den zehn einfachen Geboten ausspricht, die euch bekannt sind. Die Füße sind aus dieser Ordnung auch der Unterstützung halber und der Festhaltung wegen mit zehn Zehen versehen.
[GS.02_127,07] In der naturmäßigen Sphäre aber stellen sie das Planetensystem vor, welches ebenfalls die unterste Stütze eines Sonnensystems ist. Ja, das Planetenwesen nötigt gleich den Füßen durch seine Bewegung den großen Hauptleib der Sonne in die große Hauptbewegung.

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