Drei Tage im Tempel, Leseprobe, Seite 4

[DTT.01_003,09] Sagte ein anderer Ältester, der von einem etwas besseren Sinne beseelt war: „Ja, davon eben haben wir wohl schon etwas reden hören, wie auch, daß der uns wohlbekannte Zimmermann mit seinem jungen Weibe Maria sich in Nazareth für ständig aufhalte! Ob aber der Wunderknabe wohl derselbe ist, der vor zwölf Jahren zu Bethlehem in einem Stalle geboren ward, das wissen wir nicht und zweifeln auch sehr daran, daß dies derselbe ist! Und wie sollte jener Knabe etwa gar der Emanuel des Propheten sein?“
[DTT.01_003,10] Sagte Ich: „So Er es aber nicht ist, woher rührt dann die Macht, die Er über alle Elemente ausübt? Und wer ist des Propheten ,Jungfrau‘ und wer der ,Emanuel‘?“
[DTT.01_003,11] Sagte der Reiche aus Bethanien: „Höret, dieser Knabe hat ja einen Riesenverstand! Mir kommt es im Geiste vor, als ob er etwa gar ein junger Elias wäre, den jener Wunderknabe aus Nazareth vor sich hersendet, um uns alle auf den da seienden Emanuel des Propheten vorzubereiten! Denn wann hat je einer von uns erlebt, daß außer Samuel ein Knabe von zwölf Jahren so weise geredet hätte?!
[DTT.01_003,12] Daher müßt ihr mit diesem Knaben schon eine bündigere Rede führen, sonst werden wir des Knaben nicht los! Den Propheten werdet ihr ihm schon müssen auf eine hellere Weise erläutern und doch prüfen, wie es mit der Jungfrau Maria, der wunderbarlichen Tochter des Joachim und der Anna, steht, die am Ende alle ihre bedeutenden Güter dem Tempel vermachten, als sie starben. Eigentlich nahm der Tempel dieselben als Lohn für die Erziehung der Tochter Maria mit Gewalt als ein herrenloses Besitztum in eigentümlichen Beschlag.
[DTT.01_003,13] Was haltet ihr so ganz treu und wahr von jener Jungfrau? Wenn von einem Propheten etwas zu halten ist, so wäre die von ihm genau bezeichnete Zeit nun wohl da, und das Wundersame von der in Rede stehenden Jungfrau kann nun nicht mehr geleugnet werden! So daran doch etwas wäre, da wäre es denn doch auch verzweifelt frevelhaft von uns allen, so wir uns darum nicht tiefer und näher erkundigen würden!“
[DTT.01_003,14] Sagte der ärgerliche Älteste: „Das verstehst du nicht und redest davon, dem Knaben Vorschub leistend, wie ein vollkommen Blinder von der großen Pracht der schönen Farben!“
[DTT.01_003,15] Sagte Ich dazwischen: „Es ist aber das wirklich eine sonderbare Sache, daß ein Hungriger wähnt, daß da alles hungrig sei, was ihm nur unterkommt! Ein dummer Mensch hält stets die andern Menschen für noch dümmer, als er selbst ist. Für den Blinden ist jeder auch noch so scharf Sehende blind, und für den Tauben ist ein jeder andere Mensch taub!
[DTT.01_003,16] Glaubst du alter Zornkopf, daß außer dir kein Mensch etwas wissen kann? Oh, da irrst du dich sehr! Sieh, Ich bin nur ein Knabe und könnte dir Dinge, die vollkommen wahr und richtig sind, erzählen und kundtun, von denen deiner griesgrämigen Weisheit wohl nie etwas geträumt hat!
[DTT.01_003,17] Warum soll Mein reicher Simon aus Bethanien, der Indien, Persien, Arabien, Ägypten, Spanien und Rom und Athen bereist hat, nicht auch etwas wissen, wovon dir noch nie etwas in den Traum gekommen ist?! Wenn aber also, mit welchem Rechte magst du ihn der Unwissenheit zeihen?! – Ich aber sage dir, daß er ganz recht urteilt, und ihr solltet darum das tun, was er um sein vieles Geld von euch verlangt!
[DTT.01_003,18] So jemand einen Knecht dingt für eine Arbeit, so muß der Knecht das tun, wofür ihn der Herr gedungen hat. Will der Knecht das nicht, oder kann er es nicht, so wird des Knechtes Herr etwa wohl das Recht haben, den bedungenen Lohn von dem faulen oder ungeschickten Knechte zurückzuverlangen! – Ihr habt euch gut zahlen lassen – und wollt dafür aber nichts tun, oder könnt es nicht! Hat Simon nun nicht das Recht, seinen euch gegebenen Lohn von euch zurückzufordern?“
[DTT.01_003,19] Sagte ein anwesender römischer, alles Rechtes kundiger Kommissar und Richter: „Da seht einmal den Knaben an! Der ist ja ein vollendeter Jurist und könnte sogleich ein Richter in allen streitigen Sachen sein! Seine Rechtsaussage ist vollkommen in unseren Rechten begründet, und so Simon aus Bethania das von mir verlangt, muß ich ihm offenbar das ,Exequatur!‘ geben!“
[DTT.01_003,20] Darauf trat er zu Mir hin, koste und herzte Mich und sagte zu Mir: „Höre du, mein holdester, reichlockiger Knabe, ich bin ganz verliebt in dich! Für dich möchte ich sorgen mit allen meinen Gütern und dich zu etwas Großem erziehen!“
[DTT.01_003,21] Sagte Ich: „Daß du Mich lieb hast, weiß Ich recht wohl – denn in dir schlägt ein treues, gutes Herz. Du kannst aber auch versichert sein, daß auch Ich dich sehr liebe! Aber für Mein Fortkommen brauchst du dich nicht zu sorgen, denn da ist schon Einer, der sich darum kümmert!“
[DTT.01_003,22] Es trat aber auch Simon von Bethanien zu Mir und fragte Mich ganz erstaunt: „Sage mir, du mein schönster, liebster und holdester Knabe, woher du es erfahren hast, wie ich heiße, und wo ich überall schon gewesen bin!“
[DTT.01_003,23] Sagte Ich: „Oh, es wundere dich dessen ja nicht, denn so Ich irgend etwas wissen will, so liegt das schon so in Meiner Natur, daß Ich es weiß! Das Wie würdest du jetzt wohl noch nicht fassen! – Aber nun wieder zur Sache und zu unserer ,Jungfrau‘! Wollet ihr Priester und Schriftgelehrten dies näher beleuchten oder nicht?“

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