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Drei
Tage im Tempel, Leseprobe, Seite 2
2.
Kapitel Der geistreiche Jesusknabe im Tempel. Die Opfergabe des alten
Simon. Die Vorfrage. Die Rede des jüngeren Schriftgelehrten.
[DTT.01_002,01]
Aber so ein recht geistreicher Knabe ließ darauf den Kopf noch nicht
hängen und sagte: Alles Wirken in der großen Gotteswelt ist am
Tage vom hellsten Sonnenlicht erleuchtet, und selbst die Nacht ist nie so
finster, daß man gar nichts sehen sollte; warum muß denn gerade
jene wichtige Lehre, die dem Menschen den Weg zum wahren Heile klarst und
hellst zeigen soll, so verworren und keiner Seele verständlich gegeben
sein? [DTT.01_002,02] Und der Knabe, der den Ältesten eben
dieses eingewendet hatte, war Ich selbst und brachte sie dadurch in eine
große Verlegenheit, zumal Mir alles anwesende Volk sehr recht zu geben
anfing und sagte: Beim Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs dieser
Knabe ist zum Verwundern gescheit, der muß noch mehreres mit den
Ältesten und Schriftgelehrten verhandeln! Wir wollen ihnen für ihn
ein bedeutendes Opfer in den Gotteskasten legen. [DTT.01_002,03] Ein
sehr reicher Israelite aus Bethania (es war dies der damals noch lebende Vater
des Lazarus, der Martha und Maria) trat hervor und erlegte für Mich ein
Opfer von 30 Pfund Silber und etwas Gold bloß zum Behufe dessen,
daß Ich länger mit den Ältesten und Schriftgelehrten verhandeln
durfte. [DTT.01_002,04] Die Ältesten und Schriftgelehrten nahmen
natürlich das große Opfer nur gar zu gerne an, und Ich bekam dadurch
ordentlich Luft, mit den Ältesten in eine ganz außerordentliche und
vorher aus sicherem Grunde nie dagewesene Besprechung kommen zu dürfen.
[DTT.01_002,05] Aus dem Jesaias aber war schon die erste und die
vorerwähnte Vorfrage, deren äußerst mystisch-dunkle
Beantwortung dann eben den Grund zur folgenden gedehnten Verhandlung bildete,
die wir nun werden folgen lassen. Wer sie mit gutem und liebereinem Herzen
lesen wird, der wird auch vieles aus ihr für seine Seele und seinen Geist
gewinnen. [DTT.01_002,06] Bevor wir aber zu der größeren
Verhandlung kamen, und weil Ich die gut bezahlte Freiheit, zu reden, hatte,
kehrte Ich zur Vorfrage zurück und fing die Ältesten und
Schriftgelehrten über die einzelnen Punkte derselben zu befragen an.
[DTT.01_002,07] Die Vorfrage aber war genommen aus dem Jesaias, 7. Kapitel,
14. Vers und 15. und 16. Vers dazu, und die Verse lauten: So wird der
Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird
einen Sohn gebären, den wird sie Emanuel heißen. Butter und Honig
wird er essen, daß er wisse Böses zu verwerfen und Gutes zu
erwählen. Aber ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes
erwählen, wird das Land, davor dir grauet, verlassen sein von seinen zwei
Königen. [DTT.01_002,08] Der erstere Teil der Vorfrage bestand
darin: wer die Jungfrau und wer ihr Sohn Emanuel sei, und wann dies geschehen
werde, daß solch ein Sohn in die Welt geboren werde. Die Zeit
müßte schon da sein, indem das Land Jakobs schon seit mehreren
Jahren seiner beiden Könige entsetzt sei und nun die Heiden zum Herrn
habe. Ob etwa nicht jener vor zwölf Jahren zu Bethlehem von der Jungfrau
Maria, die dem Zimmermanne Joseph angetraut war noch nicht als Weib,
sondern als Pflegebefohlene nach dem alten Brauche des Tempels in einem
Schafstalle geborene Knabe, dessentwegen die Weisen vom Morgenlande
herbeikamen, um ihn als den verheißenen großen König der Juden
zu begrüßen, dem Anna und Simeon im Tempel bei der Beschneidung ein
großes Zeugnis gegeben haben, eben jener Emanuel sei, von dem Jesaias
geweissagt habe. [DTT.01_002,09] Nun, auf diese nicht unbedeutende Vorfrage
fing ein Ältester, so ein recht herrschsüchtiger Knauser, ein
verworrenstes Zeug zusammenzuschwätzen an, das Ich gar nicht bekanntgeben
will, weil er Mich daneben auch einen schlecht erzogenen Knaben nannte, da Ich
schon von einem Aus-einem-Weibe-Geboren-werden etwas wüßte.
[DTT.01_002,10] Nur ein jüngerer, ein wenig menschlicher aussehender
Schriftgelehrter erhob sich dagegen und sagte, daß solches noch
keineswegs auf eine schlechte Erziehung hindeute, da besonders in Galiläa
die Knaben eher reif würden als in dem verkümmerten Jerusalem, wo
nichts als Luxus und eine große Verzogenheit der Kinder daheim sei. Man
könnte Mir schon eine bessere Antwort auf sein Gutstehen für Mich
geben, denn er meine, daß Ich schon mit allen Verhältnissen des
menschlichen Lebens bestens vertraut sei. Man solle nur die andern Knaben
entfernen und mit Mir dann ganz männlich reden. [DTT.01_002,11] Aber
der Älteste brummte etwas in seinen Bart hinein, und Ich fragte hernach
den menschlicher aussehenden Schriftgelehrten bezüglich der
Geburtsgeschichte in Bethlehem. Aber auch dieser sagte so ganz weitwendig:
[DTT.01_002,12] (Der jüngere Schriftgelehrte:) Ja, du mein
lieber, recht holder Knabe, mit jener glücklicherweise total verrauchten
Geschichte, die in jener Zeit viel von sich reden machte, ist nun und besonders
in bezug auf die dunkle Weissagung des Propheten Jesaias, der nur für
seine Zeit in stets dunklen Bildern weissagte, soviel als nichts! Denn die
Alten haben sich, glaube ich, wie ich es vernommen habe, nach dem Herodischen
Kindermord von Bethlehem bei welcher Gelegenheit sicher auch ihr aus dem
Morgenlande begrüßter König der Juden geschlachtet ward
gar aus Judäa irgendwohin geflüchtet und leben vielleicht gar nicht
mehr; denn man hat nachher nichts mehr von ihrem Dasein vernommen.
[DTT.01_002,13] Es mag immer etwas an der Sache gewesen sein, denn sie hat
damals viel Aufsehen gemacht; aber merkwürdigerweise ist wenige Jahre
darauf alles derart in das Meer der gänzlichen Vergessenheit gesunken,
daß wohl kein Mensch mehr nur mit einer Silbe irgendeine Erwähnung
davon macht und es sich auch nicht der Mühe lohnt, darüber ein Wort
zu verlieren. Simeon und Anna sind zwei bekannte alte Tempelschwärmer
gewesen, die bei gar manchen Knaben ihre messianischen Bemerkungen in einem
mystischen Tone gemacht haben und dadurch recht viele schwache Eltern ganz
ordentlich verrückten.
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