|
Jakob
Lorber
Drei
Tage im Tempel (Dreitagesszene)
Gespräche
des zwölfjährigen Jesus
Leseprobe Hinweis:
Diesen Text können Sie sich auf Ihren Computer laden. Dazu klicken Sie
bitte im oberen Bildschirmbereich auf eines der zur Auswahl stehenden
Dateiformate: "PDF-Dokument" (46 KB) oder "HTML-Dokument" (Zip, 12
KB).
Durch
das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber. Nach der 10. Auflage.
Lorber-Verlag Hindenburgstraße 5 D-74321
Bietigheim-Bissingen. Alle Rechte vorbehalten. Copyright © 2000 by
Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
...
1.
Kapitel Die Sitte der Kinderprüfungen im Tempel zu
Jerusalem.
[DTT.01_001,01]
Es war Sitte und vorgeschriebener Brauch im ganzen Reiche der Juden, daß
sie ihre Kinder, wenn sie das zwölfte Jahr zurückgelegt hatten, nach
Jerusalem bringen mußten, wo sie im Tempel von den Ältesten,
Pharisäern und Schriftgelehrten befragt wurden über alles, was sie
bis zu diesem Alter besonders in der Lehre von Gott und den Propheten sich zu
eigen gemacht hatten. [DTT.01_001,02] Für solche Prüfung war auch
eine kleine Taxe zu entrichten, nach der die Geprüften, so sie es
wünschten, gegen eine nochmalige kleine Taxe ein Fähigkeitszeugnis
erhielten. Hatten sich die Kinder in jeder Hinsicht ausgezeichnet, so konnten
sie dann auch in die Schulen des Tempels aufgenommen werden und hatten
Aussicht, einst Diener des Tempels zu werden. [DTT.01_001,03] Konnten die
Eltern nachweisen, daß sie dem Stamme Levi entstammten, so ging es mit
der Aufnahme in des Tempels Schulen leicht. Konnten die Eltern das aber nicht
nachweisen, so ging es mit der Aufnahme schlechter, und sie mußten sich
in den Stamm Levi förmlich einkaufen und dem Tempel ein bedeutendes Opfer
bringen. [DTT.01_001,04] Die Töchter waren von dieser Prüfung
ausgenommen außer sie wollten auf Antrieb ihrer Eltern sich auch
prüfen lassen, der größeren Gottwohlgefälligkeit wegen. In
diesem Falle wurden sie von den Altmüttern des Tempels in einer besonderen
Behausung fein geprüft und bekamen auch ein Zeugnis von allen bis dahin
erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten. Solche Mädchen konnten dann
Weiber der Priester und Leviten werden. [DTT.01_001,05] Die Prüfungen
der Knaben und noch mehr der Mädchen dauerten nur kurz. Es waren einige
Hauptfragen schon für immer bestimmt, die ein jeder Jude seit langeher
auswendig wußte. [DTT.01_001,06] Die Antworten auf die bekannten
Fragen wurden den Kindern geläufig eingebleut, und es hatte der
Prüfer die Frage kaum zu Ende gebracht, so war der geprüfte Knabe
auch schon mit der Antwort fertig. [DTT.01_001,07] Mehr als zehn Fragen
hatte kein Prüfling bekommen, und es ist darum leicht begreiflich,
daß eine Prüfung bei einem Knaben kaum über eine Minute Zeit
gedauert hat. Besonders wenn er die ersten Fragen ganz gut und sehr fertig
beantwortet hatte, da wurden ihm die andern meist erlassen. [DTT.01_001,08]
Nach vollbrachter kurzer Prüfung bekam der Knabe ein kleines Zettelchen,
mit welchem er sich mit seinen Eltern an derselben Taxkasse zu melden hatte,
bei der er ehedem die Prüfungstaxe entrichtete, wo er dann gegen
Vorweisung des Prüfungszettelchens wieder eine kleine Taxe zu entrichten
hatte, so er auf das Zettelchen ein Tempelzeugnis haben wollte. Kinder armer
Eltern mußten ein Signum paupertatis (Armutszeugnis) mitbringen, ansonst
sie zur Prüfung nicht zugelassen wurden. [DTT.01_001,09] Die Zeit der
Prüfung war entweder zu Ostern oder zur Zeit des Laubhüttenfestes und
dauerte gewöhnlich fünf bis sechs Tage. Bevor aber die Prüfungen
im Tempel ihren Anfang nahmen, wurden schon ein paar Tage früher
Tempeldiener in die Herbergen geschickt, um sich zu erkundigen, wieviele
Prüfungskandidaten etwa anwesend seien. [DTT.01_001,10] Wer sich da
besonders vormerken lassen wollte gegen ein kleine Taxe, der konnte es tun,
weil er dadurch früher zur Prüfung kam. Die ohne Taxe mußten
dann gewöhnlich die letzten sein, und mit ihrer Prüfung nahm man sich
durchaus nicht viel Mühe, und die Zeugnisse blieben gewöhnlich aus.
Man versprach ihnen wohl, solche einmal nachzutragen, woraus aber
gewöhnlich nie etwas geworden ist. [DTT.01_001,11] Manchmal aber
geschah es auch, daß Knaben von sehr viel Geist und Talent den
Prüfern auch Gegenfragen stellten und Aufklärung über dies und
jenes aus den Propheten verlangten. Bei solcher Gelegenheit gab es unter den
Prüfern dann gewöhnlich verdrießliche und ärgerliche
Gesichter; denn die Prüfer waren selten in der Schrift und in den
Propheten mehr bewandert als heutzutage die sehr mager bestellten Abc-Lehrer.
Sie wußten nur soviel, um wieviel sie zu fragen hatten. Darüber
hinaus sah es gewöhnlich sehr finster aus. [DTT.01_001,12] Es
saßen aber bei den Prüfungen, gewisserart als
Prüfungskommissare, wohl auch einige Älteste und Schriftgelehrte. Sie
prüften aber nicht, sondern hörten nur zu, was da geprüft ward.
Nur im vorerwähnten besonderen Falle, so es sich der Mühe lohnte,
fingen sie sich zu rühren an und verwiesen zuerst einem so Fragen
stellenden Knaben seine unkluge Vermessenheit, der es gewagt hatte, seine
Prüfer in eine unangenehme, zeitzersplitternde Lage zu versetzen.
[DTT.01_001,13] Solch ein Knabe wurde, wenn er sich nicht leicht
einschüchtern ließ und bei seinem Vorhaben und Begehren verharrte,
mehr des Scheines vor dem Volke als der tieferen Wahrheit wegen, einstweilen
auf die Warteseite gestellt und mußte auf die für derlei kritische
Fragen gegebene erklärende Antwort bis zu einer gewissen Stunde am Abend
warten, wo er dann erst eigens vernommen wurde. [DTT.01_001,14] Kam dann
die anberaumte Stunde, so wurden stets mit einigem Unwillen solche Knaben aus
ihrem Versteck hervorgeholt, mußten ihre früher gestellten Fragen
wiederholen, und einer der Ältesten und Schriftgelehrten gab dem
Fragesteller gewöhnlich eine sehr mystische und soviel als möglich
verworrene Antwort, aus welcher der Knabe offenbar nicht klüger wurde
und das Volk schlug sich dabei an die Brust und bewunderte tief, dumm,
stumm, taub und blind die unerforschliche Tiefe des Geistes Gottes durch den
Mund eines Ältesten und Schriftgelehrten und verwies am Ende einem solchen
Knaben seine unbesonnene Keckheit.
Nächste
Seite
Zurück zur
Bibliographie
Lorber-Verlag, Hindenburgstraße 5, D-74321
Bietigheim-Bissingen,
info@lorber-verlag.de
|