Die Fliege – Einblicke in die Wunder der Schöpfung, Leseprobe, Seite 3

[Fl.01_012,35] Nun werdet ihr wohl kaum mehr fragen: Wer mag dies in sich begreifen; wem wird dieser Ölzweig reifen? Denn ihr wißt aus dem Verlaufe dieser Mitteilung, was die Wahrheit und was das Licht ist, und werdet demnach auch wissen und leicht begreifen, wie die Wahrheit ist ein Licht dem Lichte, und ein Licht dem Lichte zum Gerichte, d. h. entweder zum Gerichte, das da kehret das Leben zum Leben, oder umgekehrt, wie ihr es schon wißt.
[Fl.01_012,36] So ihr alles das Gesagte wohl überdenket, möget ihr da die Frage noch nicht verstehen: Kannst du nun um Sonnen freien, wie im Licht die Erd' entweihen? Oder auf deutsch gesagt: Kannst du zweien Herren dienen?
[Fl.01_012,37] Denn wer da um Sonnen oder um lebendige Vollendung freiet, wie kann der mit diesem Lichte sich zur Außenwelt wenden, um durch dieselbe sich zu bevorteilen?! Oder damit ihr es noch deutlicher versteht: Wie will der durch seinen Verstand göttliche Wahrheiten ziehende Mensch dadurch zum ewigen Leben gelangen, so er nicht das Wort in sich zur Tat will kommen lassen?!
[Fl.01_012,38] Ein solcher ist ja, der im geraubten Lichte das Erdreich, auf welchem er fürs Leben tätig sein soll, durch seine Trägheit entweiht! Oder wissen solches nicht schon sogar die Physiker, daß sich gleiche Polaritäten nie anziehen, sondern allzeit abstoßen? So aber die Erde faul und träge ist für sich, wird sie da wohl je können durch Untätigkeit belebet werden?!
[Fl.01_012,39] Daher ist dieses ja klar, daß man zweien Herren nicht dienen kann, – also nicht zugleich dem müßigen Verstande und der lebendigen Tat.
[Fl.01_012,40] Wer aber da um Sonnen freien kann, der soll ja mit dem Lichte die Erde nicht entweihen, sondern sie vielmehr segnen durch seine Tat, damit ihm da auch aus der Erde eine Sonne wird.
[Fl.01_012,41] Und also ist der Aufruf an den finstren Zweifler, daß er fliehen solle, wenn Ich Sonnen niederziehe, vollgültig. Aber wohin soll er fliehen?
[Fl.01_012,42] Die Fliege mag er fragen, und sie wird es ihm sagen, welchen Zug das Leben nimmt, und wie es dann zurückkehren solle, ausgerüstet mit großen Wucherprozenten; aber die Fliege wird ihm auch noch sagen, wohin er noch fliehen kann, ja vielmehr fliehen muß, so er nicht zurückkehren mag durch die Tat des Wortes zum ewigen Leben alles Lebens.
[Fl.01_012,43] Wer da nur schon ein wenig seine Augen geöffnet hat, der wird auch gar nicht lange zu suchen brauchen, um die ganze Unendlichkeit voller Hirsche zu erblicken, die da wahrlich um die Wette rennen zum Urziele, dahin das Leben schon in unserer Fliege seine Richtung nahm; denn „Hirsche“ und „stets freier werdendes Leben“ bezeichnen ein und dasselbe.
[Fl.01_012,44] Wißt ihr nun das, so wisset ihr auch, wer und wie er da heben kann die endlose Kette der Wesenreihe, die da aufsteigt zum Urborne alles Lichtes und alles Lebens.
[Fl.01_012,45] Es ist aber die Frage hier gestellt an den Verstandesmenschen, ob auch er, der Tatlose, zu heben vermag diese Kette, und gleicherweise auch die zweite und letzte Frage: Magst du der Wahrheit Spur nicht finden, nämlich durch die Tat, wer wird dich sonach der Nacht des ewigen Todes entbinden?
[Fl.01_012,46] Ich meine, diese letzte Frage bedarf etwa wohl keiner Erläuterung mehr, sondern es wird euch doch schon aus dem Verlaufe dieser Schrift hinreichend bekannt sein, daß man, um sich der Nacht des ewigen Todes zu entbinden, ein lebendiger Täter des Wortes sein muß, – und nicht bloß ein Hörer, endlich gar ein Kritiker, ja was noch mehr ist, ein Verächter und sodann gar ein Leugner Meines Wortes.
[Fl.01_012,47] Wer aber da sein will ein wahrer Täter des Wortes, dem muß dasselbe also vollkommen ernst sein, darum er dann mit Meinem lieben David aussprechen kann: „Gott ist mein rechter Ernst; ich will singen und dichten; das ist auch meine Ehre. Wohlauf denn, ihr Psalter und Harfen! Ich will frühe aufsein. Ich will Dir danken, Herr, unter den Völkern und will Dir lobsingen unter den Leuten; denn Deine Gnade reicht, soweit die Himmel sind, und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. Erhebe Dich, Gott, über den Himmel, Deine Ehre über alles Land; auf daß Deine lieben Freunde erlediget werden, hilf mit Deiner Rechten und erhöre mich!“ (Psalm 108).
[Fl.01_012,48] Singt hier nicht David, daß Gott sein rechter Ernst ist?
[Fl.01_012,49] Wie kann aber Gott sonst bei den Menschen sein als im Worte?! Also das Wort muß dem Menschen ein Ernst sein, darum er es singen soll oder hören und dann dichten oder tun; und das ist die Ehre oder das Licht des Menschen selbst. ...

...

Vorige Seite

Zurück zur Bibliographie


Lorber-Verlag, Hindenburgstraße 5, D-74321 Bietigheim-Bissingen, info@lorber-verlag.de