Die Fliege – Einblicke in die Wunder der Schöpfung, Leseprobe, Seite 2

[Fl.01_012,13] Wenn ihr diese zwei Bilder nun nur ein wenig vergleichet und dann im Geiste durchgehet, so wird es euch ja doch nimmer entgehen können, daß in einem ewigen und unendlichen Leben sich zahllose Leben frei bewegen können und genießen allda die allerhöchsten Wonnen des Lebens vollkommen, während sie doch nur Teile des einen Hauptlebens in Gott sind.
[Fl.01_012,14] Sehet, solches singt also die Fliege in der Demut; und die Demut ist die eigentliche wahre Hauptfliege des Menschen selbst! Denn wie die Fliege im Weltteile anfängt, in sich den Sieg über das Leben zu gewinnen, also fängt auch die Demut im Menschen an, auf dieselbe Weise das allerfreieste Leben aus Gott aufzunehmen und es einzuschließen in sich und dann durch ihre Beharrlichkeit und durch ihren Mut groß- und starkzuziehen in sich dieses ewige Heiligtum, welches da ist der lebendige Christus in einem jeden wahren Menschen. Und wenn dessen Leben übergegangen ist in alle Teile der Seele und durch die Seele auch in den fleischlichen Leib, so ist dann solche Erscheinlichkeit, ja wirkliche Handlung im Geiste ja doch ein Sieg, ja wahrlich der allerhöchste Sieg, welchen je ein Mensch sich erkämpfen könnte; denn durch diesen Sieg hat er ja in sich das allerhöchste Leben Gottes gefangengenommen, hat es sich zu eigen gemacht durch die Liebe und wurde nun Eins mit dem ewigen Gott, dem Vater aller Liebe.
[Fl.01_012,15] Saget Mir, ist solches nicht ein Sieg, von dem euch die Fliege singt?
[Fl.01_012,16] Wollt ihr aber die Fliege, die euch da singt von diesem Siege, recht verstehen, da fraget die eigene wahre Fliege in euch, welche da ist die vollkommene Demut, und diese wird euch die große Antwort geben: Ja, durch sie werdet ihr es empfangen, was da ist ein rechter wahrer Sieg!
[Fl.01_012,17] Wie aber die Liebe ist eine Frucht der Demut, so ist die ewige Wahrheit oder das Licht allen Lichtes eine Frucht der Liebe; und so die Liebe wächst aus der Demut und die Wahrheit aus der Liebe, so ist das ein rechtes Wachstum und ist ein wahrer Baum des Lebens und ein wahrer Baum aller heiligen Erkenntnis des Lebens, und alles, was desselben ist zeitlich und ewig.
[Fl.01_012,18] Wer aber da die Geheimnisse des Lebens etwa gar durch seinen Weltverstand ermitteln will, der wird wohl nimmer dieselben irgend ermitteln, sondern wird durch den Verstand noch das wenige Leben verlieren, das er sich ehedem in seiner Kindheit erwirtschaftet hatte. Denn wahrlich sage Ich euch: Wer solches innere Wort, wenn es sich kundgibt – entweder in eines jeden bessergesinnten Menschen Herzen durch mahnendes Gewissen oder als vernehmliches Wort durch den Mund eines Geweckten –, nicht mit kindlich einfältig-frommem Sinne glaubt und dann aber nicht nur ein bloßer Hörer solchen Wortes verbleibt, der sich höchstens bloß verwundert, bald über dieses, bald über jenes, was darinnen vorkommt, – sondern ein Täter desselben wird, da sage Ich euch noch einmal: Wahrlich, wahrlich, es wird das Hören und Sehen niemanden in den Himmel bringen, sondern allein das Tun!
[Fl.01_012,19] Ihr habt aber im Verlaufe dieser Mitteilung vernommen, daß das Leben nicht ehedem zurückkehren kann, bevor es gerichtet wird; und zugleich müßt ihr auch wissen aus dem Evangelium, allda es heißt: „Nicht Ich, sondern das Wort, das Ich zu euch geredet habe, wird euch richten.“
[Fl.01_012,20] Sehet, sonach ist das Wort ein Richter für den, der es tut, zum ewigen Leben – und für den, der es nicht tut, zum ewigen Tode; denn niemand kann zur Gewißheit gelangen außer auf dem tätigen Wege des Kreuzes nach dem Worte, welches da nichts als die Demut und die Liebe predigt. Wer aber da ist ein bloßer Hörer und tut nicht nach dem ihn zum Leben richten sollenden lebendigen Worte, der wird sich auch nicht vereinen können mit der positiv-lebendigen Kraft desselben, sondern wird verbleiben in seiner negativen Polarität des Todes, aus welcher da wohl schwerlich ewig je sich wieder ein positiv-polarisches Leben entwickeln wird.
[Fl.01_012,21] Was sind aber die ersten Kennzeichen eines solchen Gerichtes zum Tode bei einem Nichttäter des Wortes?
[Fl.01_012,22] Die ersten Kennzeichen sind die Zweifel an der Echtheit eines oder des anderen Teiles göttlicher Offenbarung.
[Fl.01_012,23] Was ist aber ein solcher Zweifel denn an und für sich?
[Fl.01_012,24] Ein Zweifel ist da nichts anderes als eine Ohnmacht des inneren Lebens, zufolge welcher der Geist in sich zurücksinkt und in der Seele kein anderes denn ein mattes naturmäßiges Zwielicht scheint, wobei ein Teil des Lichtes noch von den matter und matter werdenden Strahlen des Geistes, ein Trugteil des zunehmenden Lichtes aber von der alle Sinne täuschenden Welt herrührt.
[Fl.01_012,25] Wohin hernach solche Geistesohnmachten führen, das wird keiner großen Erklärung mehr bedürfen, so der Geist nicht bald wieder von neuem erweckt wird durch ein kräftiges Tun nach dem Worte.
[Fl.01_012,26] Wer aber da im Verlaufe dieses Lebens nicht wird übergehen in die wahre positive Polarität des ewigen Lebens, der wird sich selbst richten für die negative Polarität, aus welcher er ewig nimmerdar erstehen wird.
[Fl.01_012,27] Es verhalten sich aber diese beiden Polaritäten wie Geistiges und Materielles, oder wie lebendige innere Frucht und wie tote äußere Schale.
[Fl.01_012,28] Wer da übergehen wird in die Frucht, der wird übergehen ins Leben; wer aber da wird übergehen in die Schale, der wird auch übergehen in den Tod.
[Fl.01_012,29] Ihr wisset aber ja schon, daß in jeglichem Dinge, und also sicher noch um so mehr in Gott, sich zwei Polaritäten befinden; und wie das göttliche Sein ein ewiges ist, also müssen auch diese zwei Polaritäten ewig sein.
[Fl.01_012,30] Wer da durch das Wort gerichtet wird, oder sich vielmehr selbst richtet nach dem Worte, der nimmt das Leben in sich auf und entspricht der göttlichen positiven Polarität, welche da ist das allerfreieste und unumschränkteste Sein.
[Fl.01_012,31] Wer aber das Wort nicht tatsächlich aufnimmt in sich, sondern es bloß nur durch seinen negativen Verstand laufen läßt, den wird das Wort selbst richten hin zur negativen Polarität, welche da ist das Grundprinzip alles Materiellen und somit alles Todes und alles Beschränktseins; – woraus da hervorgeht, daß die naturmäßige Welt ebensowenig ewig je mehr ein Ende nehmen wird wie die geistige, sondern wird bleiben als eine ewige negativ-polarische Unterlage alles Geistigen und Freien. Welches Los demnach das glücklichere ist – für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten entweder der negativen oder der positiven Polarität Gottes einverleibt zu werden, oder: ein ewig wonnevollst freiester Engelsgeist zu sein, oder ein gebannter Satan in einem toten Steine –, solches möget ihr nun selbst entscheiden.
[Fl.01_012,32] Wahrheit ist zwar für den Lebendigen überall, aber für den Toten gibt es in der ganzen Ewigkeit nirgends ein Licht.
[Fl.01_012,33] Und solches ist bei sich zu tragen, solches, was da allzeit die Wahrheit soll besagen; und eben solches ist ein überaus gutes Ding, ja das ist der ewige Ring des Lebens, in den ihr eindringen sollet, der sich aber nicht nur zur Unterhaltung des Verstandes, sondern ernst in der Tat nur drehet, und durch diese erst die Wahrheit als des wahren Lebens Licht in ihm erstehet und ihn durch-und-durchwehet.
[Fl.01_012,34] Sehet, wenn ihr nun dieses begreifet, da werdet ihr auch wohl begreifen, daß der Ton ist wie die Pfeife, oder das Licht wie das Leben, und der Lohn wie die Arbeit, oder die Erkenntnis oder das Selbstbewußtsein des ewigen Lebens in sich wie die Tat nach dem Worte; und wie der Berg, also des Krümme, oder wie geartet das Leben, so gestaltet auch der Pol desselben; und wie das Herz, also auch dessen Stimme, oder wie die Demut im Herzen, also auch das lebendige Wort im selben.

Vorige Seite | Nächste Seite

Zurück zur Bibliographie


Lorber-Verlag, Hindenburgstraße 5, D-74321 Bietigheim-Bissingen, info@lorber-verlag.de