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Erde
und Mond, Leseprobe, Seite 5
[Er.01_073,04]
Sehet, das ist ein rechtes Bild von den vielen Konfessionen! Sie tun aus lauter
Vorbereitung und Kritisieren nichts, begeifern fortwährend diejenigen, die
nicht ihrer Konfession sind, machen sich über ihre Blindheit lustig und
schreien fortwährend: Kommet her, daß wir euch den Splitter
aus den Augen nehmen!; aber des Balkens in dem eigenen Auge werden sie
gar nicht gewahr. [Er.01_073,05] Es ist wohl wahr, daß es in der
römisch-katholischen Kirche tausend gewaltige Mißbräuche gibt;
aber es gibt darin doch auch wieder manches Gute, denn es wird von der Liebe
und von der Demut gepredigt. Und so jemand sonst nichts als nur das befolgt, so
wird er nicht verloren sein. [Er.01_073,06] Aber was soll Ich denn von
einer Sekte sagen, die nichts als den Glauben lehrt und die Werke verwirft? Da
ist, wie ihr zu sagen pflegt, Taufe und Chrisam verdorben; denn es steht doch
laut und offen geschrieben, daß ein Glaube ohne die Werke tot ist, und
Ich Selbst habe offenkundig und zu öfteren Malen gesagt: Seid nicht
eitle Hörer, sondern Täter Meines Wortes! Dadurch ist ja
offenbar angezeigt, daß der Glaube allein nichts nützt, sondern das
Werk. [Er.01_073,07] Was nützt der Erde das Licht der Sonne, wenn es
nicht mit der tatkräftigen Wärme verbunden ist? [Er.01_073,08]
Was nützen einem Menschen alle Kenntnisse und Wissenschaften, wenn er sie
nicht anwendet? [Er.01_073,09] Oder was nützt es, im kalten Winter
bloß zu glauben, daß ein brennendes Holz im Ofen das Zimmer
erwärmen kann? Wird das Zimmer durch den Glauben warm? Ich glaube es
nicht. [Er.01_073,10] Kurz und gut: der allerfesteste Glaube ohne Werke ist
gleich einem törichten Menschen, der sich im kalten Zimmer bloß mit
einem warmen Gedanken zudecken will, um sich zu erwärmen. Freilich ist das
wohl die wohlfeilste Decke; aber ob diese Decke jemanden erwärmen wird,
darüber mögen diejenigen Armen urteilen, die in strengen Wintern
nicht selten starr erfroren in ihren Zimmern gefunden worden sind und
meistens aus dem Grunde, weil sie keine andere Decke hatten als eine barste
Gedankendecke. [Er.01_073,11] So wie diese Gedankendecke ohne eine
wirkliche Decke nichts nützt, also nützt auch der Glaube ohne die
Werke nichts. Der Glaube ist nur das Aufnahmeorgan einer Lehre, die zu einer
gewissen Tätigkeit anleitet. Wer diese Anleitung in seinen Glauben
bloß aufnimmt, aber nicht darnach tut, da frage Ich: Wozu dient ihm dann
diese Anleitung? Ich sage: Zu nichts anderem als zu einem naseweisen
Kritisieren, gleichwie alle Regeln der Tonkunst allein einem nichts
nützen und man nicht imstande ist, auch nur das Leichteste und Einfachste
zu leisten! Aber ein solcher bloßer Regelinhaber ist dann naseweis und
bekrittelt jeden Künstler, als könnte er wirklich selbst das
Ausgezeichnetste leisten! Ich aber sage: Da ist ein Bettelmusiker noch immer
mehr wert als ein solcher Kritiker, der selbst nichts kann, aber über
alles urteilen will. [Er.01_073,12] Also ist Mir auch eine solche Kirche
lieber, wo doch noch etwas geschieht, als wie eine, wo nichts geschieht; denn
es ist besser, jemandem ein Stück Brot zu geben, als tausend Pläne
für Armenversorgung zu machen und dem Armen aber dennoch nichts zu geben,
wenn er zu einem solchen Plänemacher kommt. Pläne sind schon recht;
aber das Geben muß auch dabei sein, sonst ist der Glaube wieder
ohne Werke, bei dem die arme Menschheit zu Hunderten verhungert.
[Er.01_073,13] Wer aber recht leben will, der kann es in jeder Kirche; denn
eine Hauptregel ist: Prüfet alles, und das Gute davon behaltet!
[Er.01_073,14] Wenn ihr ein Kind gebadet habt, so schüttet bloß
das Badewasser weg, das Kind aber behaltet, und das Kind ist die Liebe!
[Er.01_073,15] Ich sage zu niemandem: Werde ein Katholik oder werde ein
Protestant oder werde ein Grieche, sondern: was einer ist, das bleibe er,
wenn er will. Sei er aber was er wolle, so sei er ein werktätiger
Christ, und das im Geiste und in der Wahrheit; denn jeder kann, wenn er es
will, das reine Wort Gottes haben. [Er.01_073,16] Ich bin nicht wie ein
Patriarch und bin nicht wie ein Papst und bin nicht wie ein
Generalsuperintendent und nicht wie ein Bischof, sondern Ich bin wie ein
überaus guter und gerechtester Vater allen Meinen Kindern und habe nur
Freude daran, wenn sie tätig sind und wetteifern in der Liebe, aber nicht
daran, daß sie einander Narren schelten und ein jeder aus
ihnen der Weiseste und Unfehlbarste sein will mit lauter
Räsonieren, aber dabei nichts tut. [Er.01_073,17] Mein Reich ist ein
Reich der höchsten Tatkraft, aber kein Reich eines müßigen,
naseweisen Faulenzertums; denn Ich sagte zu den Aposteln nicht: Bleibet
daheim, denket, brütet und grübelt über Meine Lehre nach!,
sondern: Gehet hinaus in alle Welt! [Er.01_073,18] Dasselbe
sage Ich auch zu allen Seligen. Da heißt es tätig sein; denn immer
ist die Ernte größer als die Zahl der Arbeiter. Darum ist es auch
besser, in irgendeiner Ordnung tätig zu sein, als bloß allein des
reinsten Glaubens zu sein. Und tätig sein nach Meiner Lehre ist dann
sicher unendlich besser, als die ganze Bibel auswendig zu wissen und zu
glauben. [Er.01_073,19] Der bloße Glaubensmensch ist dem gleich, der
sein Talent vergrub; wenn aber jemand aus der Schrift nur wenig weiß,
aber darnach tut, der ist dem gleich, der über das Wenige eine treue
Haushaltung führte und dann über vieles gesetzt wird.
[Er.01_073,20] Aus dem bisher Gesagten wird sicher jeder, der guten Willens
ist, leicht herausfinden können, was er zu tun hat, um ein rechter Mensch
zu werden. Was er für seine Tatkraft zu wählen und zu meiden hat, das
alles findet er hier sonnenklar dargestellt. Es ist demnach in dieser Hinsicht
alles erschöpft. Und somit Amen!
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