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Erde
und Mond, Leseprobe, Seite 4
[Er.01_052,14]
Nun wisset ihr auch, was so ganz eigentlich der Geist ist: er ist das Licht,
welches aus seiner eigenen Wärme sich von Ewigkeiten zu Ewigkeiten
erzeugt, und ist gleich der Wärme die Liebe und gleich dem Lichte die
Weisheit. [Er.01_052,15] So ein Mensch auch eine noch so vollkommene Seele
hat, hat aber wenig oder gar kein Licht, so wird er in seiner Seele und auch in
seinem Leibe wenig oder gar keine Tätigkeit besitzen. Kommt aber in diese
Seele Licht, so wird sie tätig nach dem Maße des Lichts in ihr.
[Er.01_052,16] Die Seele z.B. eines Kretins ist in sich ebenso vollkommen
als die eines Doktors der Philosophie; aber der Leib dieser Seele ist zu plump
und schwer und läßt nur äußerst wenig oder gar kein Licht
in die Seele, oder der Lichtfunke, der in die Seele gelegt ist, kann
nicht auflodern, weil er zu sehr gedrückt wird von der plumpen
Fleischmasse. Die Seele eines Philosophen aber läßt viel Licht
durch; die Fleischmasse ist durch das viele Lernen lockerer geworden und
drückt nicht so sehr die geistige Flamme auf einen Punkt zusammen.
[Er.01_052,17] Aus diesem Grunde wird man im ersten Falle entweder gar
keine oder nur sehr wenig Tätigkeit finden; im zweiten Falle aber wird das
erleuchtete Individuum vor lauter Tätigkeit fast keine Rast und Ruhe
haben. [Er.01_052,18] Es ist hier freilich noch nicht von der Weisheit die
Rede, wo in der Seele alles licht wird, sondern es ist hier nur die Rede von
wenig oder gar keinem Lichte und von mehr und viel Licht, daraus sich auch
schon ganz klar ersehen läßt, daß ohne Geist oder Licht alles
tot und keiner weiteren Entwicklung und Vervollkommnung fähig ist,
während im Lichte alles lebendig tätig sich ausbildend und
vervollkommnend wird. [Er.01_052,19] Licht hat für sich sicher
ebenfalls keine Form; aber es schafft die Formen und wirkt dann selbst als Form
in den Formen. Die Formen können getrennt oder zusammengebunden und neue
Formen zahllosartig gestaltet werden; das Licht aber kann nicht getrennt
werden, sondern es durchdringt alles ohne Unterbrechung, was fürs Licht
aufnahmefähig ist; was aber fürs Licht nicht aufnahmefähig ist,
das bleibt in sich finster und tot, denn ein lichtloser Zustand der
Seele ist ihr Tod. [Er.01_052,20] Es versteht sich nämlich von selbst,
daß hier von dem ewigen, gleichen Lichte die Rede ist, welches allein das
Leben bedingt, und nicht von einem Schuß-, Blitz-, also Zornlichte,
welches nur auf Augenblicke eine zweifelhafte Erleuchtung gibt; wann es aber
aufhört, dann wird es zehnfach finsterer denn vorher. Ein solches Licht
ist gleich dem höllischen Lichte. Da gibt es auch solche Aufloderungen;
aber nach jeder gibt es allezeit eine zehnfach größere Finsternis.
... ...
73.
Kapitel Vom werktätigen Glauben.
27.
April 1847 [Er.01_073,01] Dieses gilt aber nicht bloß dem Papsttume,
sondern allen sogenannten Sekten oder Konfessionen; denn wo nicht Christus
gepredigt wird in Seinem wahren Geiste und in Seiner Wahrheit, da ist falsches
Prophetentum an der Stelle einer wahren Kirche. [Er.01_073,02] Wenn eine
oder die andere Sekte auch spricht: Siehe, ich habe keine Bilder, also
muß mein Bekenntnis das reinste sein!, so sage aber Ich: Bild oder
nicht Bild entscheidet gar nichts, sondern allein das Leben nach dem Worte!
Denn eine Lehre in sich selbst noch so sehr von allem Zeremoniellen reinigen,
um sie zur Aufnahme der reinen Vernunft tauglicher zu machen, heißt mit
anderen Worten nichts anderes, als über eine gegebene Lehre
fortwährend räsonieren, aber nie darnach leben, gleich als so
jemand ein Haus kaufte und möchte es fortwährend aus- und inwendig
putzen und polieren, um es immer tauglicher und tauglicher zu einer Wohnung zu
gestalten, aber vor lauter Putzen und Polieren und vor lauter fortwährend
besserem Herstellen zur Bewohnbarkeit käme nie ein Einwohner hinein. Ist
da nicht die nächste Hütte, die fortwährend bewohnt wird, besser
als ein solches Haus? [Er.01_073,03] Also verhält es sich auch mit der
Kirche. Da ist noch immer diejenige, die irgend eine Norm hat, in welcher deren
Gläubige irgendeinen Bestand finden, besser als wie eine solche Kirche, in
der nichts als nur fortwährend gefegt und gekätzet wird. Ihre
Bekenner stehen daneben und sehen zu wie müßige Menschen bei einem
Hausbaue, die auch kritteln und Glossen machen; aber dabei fällt es keinem
ein, nur einen Ziegel und einen Schöffel Mörtel zugunsten des
Hausherrn einem arbeitenden Maurer zu reichen, und da halten sich die
Müßiggänger für viel besser als die Arbeitenden.
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