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Bischof
Martin Die Entwicklung einer Seele im Jenseits, Leseprobe, Seite
2
2.
Kapitel Bischof Martins Langeweile in seiner Vereinsamung und sein
Sinnen auf Abwechslung.
[BM.01_002,01]
Nachdem unser Mann die Zeit von einigen Stunden da mauerfest gestanden war und
sich dabei nichts ereignet und in seiner Nähe verändert hatte, ihm
aber entsprechend die Zeit (denn auch in der naturmäßigen
Sphäre der Geisterwelt gibt es eine Erscheinlichkeit gleich der irdischen
Zeit) ganz verzweifelt lang geworden war, fing er wieder an, mit sich zu
phantasieren: [BM.01_002,02] Sonderbar, nun stehe ich da wenigstens
eine halbe Ewigkeit auf ein- und demselben Fleck, und es bleibt alles
völlig beim alten! Nichts rührt sich! kein Moos, kein Haar auf meinem
Haupte, auch mein Gewand nicht! Was wird da am Ende herauskommen?
[BM.01_002,03] Bin ich vielleicht gar dazu verdammt, ewig hier zu bleiben?
Ewig? Nein, nein, das kann nicht sein, denn da wäre das schon eine
Hölle! Und wäre das hier der Fall, müßte ja auch schon die
schreckliche Höllenuhr mit ihrem allerschrecklichsten Pendel zu erschauen
sein, der da bei jeder Schwingung den Ruf tut: ,Immer! oh,
erschrecklich! , dann wieder: ,Nimmer! ooh, noch
erschrecklicher! [BM.01_002,04] Gott sei Dank, daß ich nur dies
Schreckenszeichen der Ewigkeit nicht sehe! Oder wird das erst nach dem
Jüngsten Tage ersichtlich! Wird etwa schon bald das Zeichen des
Menschensohnes am Firmamente zum Vorscheine kommen? Wie viele Millionen Jahre
stehe ich denn schon hier? Wie lange werde ich etwa noch stehen müssen,
bis der erschrecklichste Jüngste Tag kommen wird?! [BM.01_002,05]
Wahrlich kurios: Auf der Welt läßt sich nichts sehen, was da in
Bälde auf den Jüngsten Tag irgendeinen Bezug hätte; aber hier in
der Geisterwelt sieht es noch endlos stummer aus! Denn da werden tausend Jahre
gleich einem völlig stummen Augenblicke, und eine Million tut einen ebenso
geringen Bescheid! Wenn ich nicht so festen Glaubens wäre, möchte ich
beinahe an dem einstigen Eintreffen des Jüngsten Tages zu zweifeln
anfangen, wie überhaupt an der Echtheit des ganzen Evangeliums!
[BM.01_002,06] Denn es ist doch kurios, alle die Propheten, die darin
vorkommen, haben eine frappante Einstimmigkeit mit den delphischen
Orakelsprüchen! Man kann aus ihnen machen, was man will: sie lassen sich
mit einigen exegetischen Drehungen auf alles anwenden und niemand kann dabei
klar sagen: ,Auf dies alleinige Faktum beziehen sie sich! Kurz, sie
passen im Grunde alle für den Steiß so gut wie fürs Gesicht!
Und der Heilige Geist, der im Evangelium soll verborgen stecken,
muß gar ein seltenster Vogel sein, weil er sich seit den alten
Apostelzeiten nimmer irgendwo hat blicken lassen, außer im albernen
Gehirn einiger protestantisch-ketzerischer Schwärmer à la
Tausendundeine Nacht! [BM.01_002,07] Ich habe zwar noch immer einen sehr
festen Glauben, aber ob er unter diesen Umständen noch länger fest
bleiben wird, dafür könnte ich wahrlich nicht gutstehen!
[BM.01_002,08] Auch mit der in meiner Kirche überaus vielgepriesenen
Maria, wie mit der ganzen Heiligen Litanei scheint es seine sonderbaren Wege zu
haben! Wäre irgend etwas an der Maria, so hätte sie mich doch schon
lange erhören müssen; denn von meinem Absterben bis zum
gegenwärtigen Augenblicke sind nach meinem peinlichen Gefühl etwa ein
paar Millionen Erdjahre verstrichen; von der Mutter Gottes, wie von ihrem
Sohne, noch von irgendeinem andern Heiligen ist aber auch nicht die leiseste
Spur zu entdecken. Das sind wahrlich Helfer in der Not, wie man sich keine
besseren wünschen könnte! Sage zwei Millionen Jahre komplett
und von allen keine Spur! [BM.01_002,09] Wenn ich nur keinen so
festen Glauben hätte, da stünde ich schon lange nicht mehr auf diesem
überaus langweiligen Fleck; nur mein dümmster Glaube hält mich!
Aber lange wird er mich nicht mehr halten! Sollte ich etwa noch einige
Millionen Jahre länger hier hocken wie ein Buschklepper und nach Ablauf
solch einer schauderhaft langen Zeit ebensowenig erreichen wie bisher? Da
wäre ich ein Narr! Ist's denn nicht genug, daß ich auf der Erde
einen Narren gespielt habe für nichts und wieder nichts? Daher werde ich
mit dieser fruchtlosen Komödie hier bald ein Ende machen!
[BM.01_002,10] Auf der Welt wurde ich für die Dummheit doch ehrlich
bezahlt und es lohnte sich dort, einen Narren zu machen; aber da an der Sache,
wie nun meine millionenjährige Erfahrung es zeigt, nichts ist, werde ich
mich sehr bald von all der Narrheit ganz gehorsamst empfehlen!
[BM.01_002,11] Seht, jetzt wird er bald diese Stelle verlassen, nachdem ihm
der Engel die etlichen Stunden seines Hierseins in ein Millionen Jahre
dauerndes Gefühl umgewandelt hatte. Noch steht unser Mann mauerfest
auf dem Punkte und schaut etwas schüchtern umher, um sich gleichsam einen
Weg auszusuchen, den er fortwandeln möchte. Nun fixiert er gegen Abend
einen Punkt, wo es ihm vorkommt, als bewege sich dort etwas. Er wird darum auch
sichtlich verlegen und spricht wieder bei sich: [BM.01_002,12] Was
sehe ich denn dort in einiger Ferne nun zum erstenmal seit einigen Millionen
Jahren meines entsetzlich langweiligen Hierseins? Die Geschichte verursacht mir
eine große Bangigkeit, denn es kommt mir vor, als wäre das etwa doch
irgendeine leise Vorbereitung zu einem Gerichte! [BM.01_002,13] Soll ich's
wagen, mich dahin zu begeben? Am Ende ist das mein Untergang für ewig?
Vielleicht aber doch auch eine endliche Erlösung?! [BM.01_002,14] Nun
ist schon alles ein Gottstehunsbei; denn wer wie ich Millionen von Erdenjahren
auf einen Punkt gebannt zugebracht hat, dem ist es schon völlig einerlei,
was da noch weiter mit ihm geschehen dürfte! Was Ärgeres wohl kann
einem ehrlichen Menschen noch obendarauf geschehen, als über alle
Bildsäulen hinaus dauernd Millionen Jahre im echten Sinne des
Wortes auf einen Punkt gebannt so ganz eigentlich verdammt zu sein?!
[BM.01_002,15] Daher, wie die Bergleute auf der Erde sagen, wenn sie in
einen Stollen fahren, sage ich nun auch: Glück auf! Hol's der Kuckuck; ich
probier' es einmal! Mehr als ewig tot werden kann ich nicht! Und wahrlich, das
könnte mir nur höchst erwünscht sein; denn so ein Leben
fortleben, wie nun dies meinige Millionen Jahre auf einem Flecke!
kein Fixstern würde es aushalten! Da ist ein ewiges Nichtsein ja ein
endloser Gewinn dagegen! [BM.01_002,16] Daher keinen Augenblick mehr
gezaudert! Geht's wohin's will! Es ist nun ein nein, das sag' ich doch
noch nicht gerade heraus; denn hier ist noch eine starke Terra incognita
für mich! Daher nur bescheiden, solange man nicht weiß, worauf so
ganz eigentlich die Füße stehen! [BM.01_002,17] Die Geschichte
dort rührt sich immer mehr; es ist wie ein Bäumchen, das vom Winde
beunruhigt wird! Nur Mut, meine des Gehens freilich schon überlange
entwöhnten Füße! Wir wollen einmal sehen, ob es sich mit dem
Gehen noch tun wird! [BM.01_002,18] Zwar hab' ich auf der Welt einmal
gehört soviel ich mich entsinnen kann , ein Geist dürfte
eigentlich nur denken, so wäre er auch schon dort, wo er sein wollte. Aber
eben mit der Geisterschaft meiner Person scheint es seine krummen Wege zu
haben! Denn ich besitze Füße, Hände, Kopf, Augen, Nase, Mund
kurz alles, was ich auf der Erde gehabt habe, Magen auch; aber
der hat schon lange einen wahren Kardinalfasttag! Denn gäbe es um mich her
nicht ein reichliches Moos mit viel Tau darauf, wäre ich wohl schon lange
zu einem Atom eingeschrumpft! Vielleicht gibt es dort auch für den Magen
irgend etwas Besseres?! [BM.01_002,19] Noch einmal: Glück auf! Eine
Veränderung, wenn sonst nichts; diese kann auf keinen Fall schlechter sein
als mein jetziger Zustand. Denn wer Millionen Jahre auf einem Flecke steht, der
wird sich doch etwa mit einem wahren Millionzustande rühmen können?!
Also, in Gott's Namen!
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